Marit Beyer liest Hélène Gestern mit "Schwindel"

Stand: 04.08.2022, 14:07 Uhr

Hélène Gestern erzählt von einer unglücklichen Beziehung und Trennung, von Liebe, Schmerz, Leidenschaft und Sehnsucht. Sprecherin Marit Beyers gestaltet mit großer Einfühlung und Intensität, nie rührselig oder kitschig. Ein starkes, mutiges Hörbuch.

Marit Beyer liest Hélène Gestern – Schwindel
Ungekürzte Lesung der Buchvorlage Schöffling Verlag
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
2 CDs in Kartonverpackung, 132 Minuten, 20 Euro

"O solitude, my sweetest choice"

An den Beginn des schmalen Buchs und zweistündigen Hörbuchs hat Hélène Gestern ein Zitat gesetzt aus einem Lied von Henry Purcell: "O solitude, my sweetest choice". In der Einsamkeit kann man nachdenken, über sich selbst und sich erinnern. Und so beginnt dieser Roman im Rückblick an das Jahr 1996 in einer namenlosen Stadt, in dem die Ich-Erzählerin den Mann T. kennenlernte und sich verliebte.

"Als ich meinen Besucher in dieser Provinzstadt herumirren sah, auf der Suche nach einem Restaurant, in dem er allein mit seiner eben gekauften Monde speisen würde, schämte ich mich meiner mangelnden Gastfreundschaft und lud ihn ein, einen Kaffee mit mir zu trinken. Wir redeten, wir gingen essen. So beginnen Geschichten."

Hélène Gestern erzählt von einer Affäre

Hélène Gestern erzählt von ihrer Beziehung und Trennung, von Liebe, Schmerz, Leidenschaft und Sehnsucht. Sie hat mit dem Mann über ein Jahr ein Verhältnis. Er ist verheiratet, hat Kinder, ist ihr nah und fern zugleich. Gestern erinnert sich zurück, was zwischen ihr und dem Mann geschehen ist, über unzählige Emails, Fotos, die Momente festhalten sollten, über Nähe und Einsamkeit, Verletzungen und Lust.

"Ich konnte mich an ihm nicht sattsehen, ich wusste, wo und wie ich ihn anfassen sollte, ich fuhr ihm mit beiden Händen durchs Haar, bevor ich sein Gesicht mit meinem berührte. Ich hörte ihn atmen, keuchen, in mich eindringen, ich hörte mich schreien, oft. Ich war in seinem Körper wie er in meinem, voll und ganz. Ich bin sicher, dass die Liebe uns körperlich verändert. Auch wenn ich nicht weiß, welche inneren Umwälzungen sie auslöst, nehme ich an, dass sie zu Zellagglomeraten führt, zu Energieverlagerungen, zu Schwingungen, die sich in unseren Körper einschreiben und noch lange wirken, nachdem er einsam zurückgelassen wurde. Was sich einschreibt, bleibt als Lücke zurück, die nichts und niemand später füllen kann."

Die kurzen Kapitel und Episoden sind verbunden von einer Haltung der Melancholie, in der Gestern zurückdenkt, auf sich selbst blickt, als Liebende, und als Schreibende. Sie erzählt von den Zügen, die sie zu heimlichen Treffen brachten, ihren Katzen als tröstende Freunde, von Orten der Zweisamkeit und der Einsamkeit: eine Flughafen-Wartehalle, die Gänge der Pariser Nationalbibliothek oder dem Dunkel eines Waldes.

"Grün schimmert die Pflanzenwelt. Sie soll mich aufnehmen, umhüllen, schützen und zersetzen, Baum werden lassen. Ich wäre gern ein Atom pflanzlichen Lebens, verborgen in einem Stückchen Rinde, einem Knorren, im fließenden Harz, in den Körnchen einer fruchtbaren, feinkrümeligen Erde. Wäre gern."

"Schwindel" von Hélène Gestern Lesestoff – neue Bücher 11.08.2022 05:20 Min. Verfügbar bis 11.08.2023 WDR Online Von Christian Kosfeld

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Marit Beyer liest den Roman als Hörbuch

Gestern denkt - ähnlich wie auch Annie Ernaux - über die Möglichkeiten des autobiographischen Schreibens nach, welche Bedeutung ihre Liebe, ihre Trauer haben. Verbunden werden die Kapitel mit Henry Purcells Renaissance-Lied "O solitude", als öffne sich ein Echoraum in die Geschichte der Melancholie. Marit Beyer hat für den Verlag "Der Diwan" Hélène Gesterns Roman als Hörbuch aufgenommen. Beyers dunkel getönte, leicht spröde Stimme ist wie geschaffen für diesen Text. Mit großer Einfühlung und Intensität gestaltet sie die kurzen Kapitel, hellwach und klar, nie rührselig oder kitschig. Ein starkes, offenes, mutiges Buch und Hörbuch mit Marit Beyer!

"Meine Aufgabe ist jetzt nicht zu erklären, was genau sich zwischen dem Mann und mir gelöst hat und warum. Er hatte seine Gründe, wie man so sagt. Es ist auch nicht meine Aufgabe zu bestimmen, was von uns als Paar noch bleibt – einfach, weil ich es vielleicht gar nicht weiß. Im Grunde kann ich nur den Weg beschreiben, der dazu führte, dass der Mann binnen einer einzigen Jahreszeit zu einem anderen als ich geworden ist. Einen Weg aus Salz und Flut, Stacheldraht und stillen Wassern, toter Zeit und großer Ruhe. Ich glaube sogar, dass Liebe und Verlust mich verwandelt haben, auch wenn ich nicht sagen kann, ob das meinen Erwartungen an uns entspricht."