Buchcover: "Die Schlacht um den Hügel" von Hanna Kiel

"Die Schlacht um den Hügel" von Hanna Kiel

Stand: 26.04.2024, 07:00 Uhr

Ihre Wahlheimat fand sie in Florenz. Doch dem Krieg entkam sie nicht. Die Kunsthistorikerin Hanna Kiel erzählt als Augenzeugin davon in dem Buch "Die Schlacht um den Hügel. Eine Chronik aus Fiesole im August 1944". Eine Rezension von Dorothea Breit.

Hanna Kiel: Die Schlacht um den Hügel
Eine Chronik aus Fiesole im August 1944.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eva-Maria Thüne.
Aviva, 2024.
160 Seiten, 20 Euro.

"Die Schlacht um den Hügel" von Hanna Kiel

Lesestoff – neue Bücher 26.04.2024 05:53 Min. Verfügbar bis 26.04.2025 WDR Online Von Dorothea Breit


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Hanna Kiel lebte mit zwei Hunden in einer Villa mit Garten in dem Dorf San Domenico unterhalb von Fiesole.

"Dieses schmalsattlige Hügelmassiv von Fiesole, zweikuppig wie das Doppelgehörn des Viertelmondes, der das Stadtwappen ziert, ist seit Jahrtausenden historischer Boden, es war Etruskerfeste und blühende Römerstadt. Für die jüngere, neidische Schwester Florenz blieb Fiesole bis in das zwölfte Jahrhundert hinein so schwer einnehmbar wie im Sommer 1944 für die alliierten Armeen."

 In jenem Sommer besetzte die deutsche Wehrmacht das Hügelmassiv vom 3. August bis Anfang September, nachdem die Partisanen mit Hilfe der Alliierten sie aus Florenz vertrieben hatten.

"Mein Gott, sie sprengen die Arnobrücken! Ich beiße die Zähne zusammen und schon fliegen, am Ponte Rossa beginnend, auch die Brücken des Mugnone in die Luft und als letzte, hart unter uns, die alte Bogenbrücke der Badia."

 

Die Ich-Erzählerin Hanna Kiel schildert ein chaotisches Durcheinander von Besatzung und Verteidigung in "Die Schlacht um den Hügel". Sie schreibt im Präsens und zieht die Lesenden unmittelbar in das Geschehen hinein. Fallschirmjäger der deutschen Wehrmacht nisten sich in ihrer Villa ein, im Garten bauen sie ihr Maschinengewehr auf. Frauen werden zum Kochen abkommandiert. Alle müssen ihre Häuser verlassen. 

"Die kinderreichen Armen aus Fontelucente und die aus der Cava am Fuß des Hügels flüchten sich in die Keller unter der Straßenkurve hart am Kiesbett des Flusses. Es werden notdürftig Lager für Frauen, Kinder und die alten Leute geschaffen. Alle jüngeren Männer verschwinden in Verstecken (...). Die anderen leben in leeren Dunggruben, in einer feuchten Höhle, (...) in einem durch Erdrutsch verschütteten, kaum zugänglichen Steinbruch, in den Sakristeischränken, unter dem Altar von Fontelucente und in einem lichtlosen Spalt über dem Felsgewölbe, aus dem jene lichte Quelle entspringt, die Ort und Kirche den Namen gab."

 

Hunderte campieren im Kollegium des Doms und im dortigen Kellergewölbe. In den oberen Etagen haben die Besatzer ihr Hauptquartier eingerichtet. 

Hanna Kiel harrt im Haus eines Professors und seiner Familie aus. In einem stillen Moment ziehen der Professor und sein Sohn schon ihre Instrumente heraus – doch sie irren. Die Besatzer sind noch nicht abgezogen. Sie befehlen, Gefälliges zu spielen. 

"Er kann diese Stücke (...) nicht auswendig spielen und der Junge ebenfalls nicht, beharrt der Professor. Schon wird Misstrauen spürbar, eine Spannung, die die Ärztin geschickt überbrückt, indem sie mitteilt, dass eine der Töchter deutsche Lieder kenne. Annalisa stellt sich auch gleich brav neben dem Flügel auf und, von ihrem Bruder begleitet, singt sie mit hellem Stimmchen zwei deutsche Kinderlieder."

 

Als Deutsche wird die Ich-Erzählerin zur Vermittlerin zwischen Besatzern und Einheimischen, und zu deren Vertrauten. Sie setzt sich dafür ein, dass die im Bunker Eingepferchten draußen kochen und ihre Notdurft vergraben dürfen. Es gibt Hilfsbereite unter den deutschen Soldaten und andere, die Häuser plündern und junge Mädchen vergewaltigen. Kollaborateure und Verräter auf beiden Seiten. Manche Frau gibt sich freiwillig hin, um den Kochtöpfen näher zu sein. Zuletzt müssen alle den Ort räumen. Es wird gepackt, Hab und Gut auf einen Eselskarren geladen.  

"Der alten, hohlrückigen Eselstute gelingt es nicht, den Karren über die schwache Steigung der Zufahrtsstraße zu ziehen. Die Männer stemmen ihre Schultern gegen das Gefährt; auch die vom Bunker müssen zugreifen, die durch das tropfenschwere Gras den Wiesenpfad hinunterkommen. Sie setzen ihre Bündel ab oder packen sie den Frauen auf, die schon krumm gehen unter der eigenen Last, und fassen in die Speichen."

 

Einige jedoch weigern sich, auch die Ich-Erzählerin widersetzt sich todesmutig dem Räumungsbefehl. Die Spannung steigt bis zum Showdown: der Befreiung und der Rückkehr in die von den Nazi-Schergen verwüsteten Häuser. Hanna Kiel hat über das, was sie im Sommer 1944 in Fiesole gesehen, gehört und erlebt hat, eine aufwühlende literarische Erzählung geschrieben, ein Kapitel deutschitalienischer Geschichte. Ergänzt durch historische und biografische Hintergründe im Nachwort der Herausgeberin Eva-Maria Thüne fügt es sich ein in das große Drama des Zweiten Weltkriegs und bewahrt es vor dem Vergessen.