"Die längste Buchtour" von Oksana Sabuschko

Stand: 30.09.2022, 12:00 Uhr

Eine ukrainische Autorin reist nach Polen, um aus ihrem Buch zu lesen: Das ist der Ausgangspunkt von Oskana Sabuschkos neuem Essay "Die längste Buchtour". Am nächsten Morgen bricht der Krieg aus, die Autorin findet sich im Exil wieder. Und denkt über die Geschichte nach, die Politik, den Westen, die Ignoranz, Russland und die Ukraine. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Oksana Sabuschko: Die längste Buchtour
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil.
Literaturverlag Droschl, 2022.
176 Seiten, 22 Euro.

Krisenfrüherkennung und Gewaltprävention

Im Jahr 2017 wurde ein literaturwissenschaftliches Forschungsprojekt mit dem Namen "Cassandra" gestartet, eine erstaunliche Kooperation des Bundesverteidigungsministeriums und des Tübinger Weltethos-Instituts.

Das Ziel: Krisenfrüherkennung und Gewaltprävention, und das anhand von textanalytischen Verfahren. Welche Themen finden sich in aktueller Literatur aus Krisenregionen, wie wird diese im entsprechenden Land rezipiert, was wird zensiert?Hätte man die russische und ukrainische Literatur genauer in den Blick genommen, wären hinsichtlich des nun tobenden Krieges einige Erkenntnisse möglich gewesen.

Wut über die westliche Naivität

Die ukrainische Lyrikerin und Romanautorin Oksana Sabuschko gehört seit Jahren zu den Mahnerinnen. Die Ukraine hat sie einmal als "Spielwiese des Teufels" bezeichnet. Aus ihrem jüngsten Buch spricht kein Triumph, zu jenen gehört zu haben, die das Übel haben kommen sehen.

Sondern eher eine Wut über die Blindheit und Naivität, oder besser: das ungeheure Ausmaß an Ignoranz westlicher Politik. "Die längste Buchtour" lautet der Titel des fast 200 Seiten langen Essays. Entstanden ist er in den Monaten nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine, geschrieben in Polen, wohin die Autorin am 23. Februar zu einer Lesereise aufgebrochen war – mit einem mulmigen Gefühl zwar, aber doch nicht ahnend, dass sie vorerst nicht in ihr Land würde zurückkehren können.

 "… um sechs (um sechs!!!) klingelte das Telefon wie durchgedreht. Es war [mein Mann] Rostyk.
'Dummkopf!', stöhnte ich leise und öffnete mühsam die Augen. Warum weckt er mich so früh, weiß er denn nicht, was für einen schweren Tag ich vor mir habe? (…) Aber ich griff zum Telefon – wach war ich jetzt so oder so. Anstelle eines 'Guten Morgen!':
'Es hat angefangen, Kleine, sie bombardieren uns.'"

"Die längste Buchtour" von Oksana Sabuschko Lesestoff – neue Bücher 30.09.2022 05:28 Min. Verfügbar bis 30.09.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer

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Kein lokaler Krieg

Oksana Sabuschko, von einer Minute zur andern im polnischen Exil gestrandet, wird zur gefragten Gesprächspartnerin. Sie hat Auftritte, schreibt Artikel, erklärt. Sie wiederholt geduldig, was sie schon in früheren Büchern und Essays geschrieben hat. Versucht die aus ihrer Sicht im Westen nie verstandene Geschichte der Ukraine zurechtzurücken; sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie westliche Kommentatoren von einer "Ukraine-Krise" sprechen hört.

Nicht nur, weil das eine Verkennung dessen sei, was von Putins Russland in den letzten Jahrzehnten vorbereitet wurde. Sondern auch, weil es sich hier nicht um einen lokalen Krieg handele:

"Ich nenne ihn den Dritten Weltkrieg. Die beiden vorangegangenen Weltkriege begannen genau so: aus einer Anhäufung systemischer Fehler globalen Charakters, von denen jeder seine Wirkung auf die architektonische Struktur des internationalen Gleichgewichts im Ganzen hatte."

Die Vorgehensweise des imperialen Russlands

"Die längste Buchtour" ist ein Kondensat. Eine Wutrede. Es erklärt die Vorgehensweise des imperialen Russlands, streng nach dem alten KGB-Lehrbuch: Demoralisierung, Destabilisierung, schließlich militärische Auseinandersetzung, Normalisierung usw. Die weltweiten Desinformationskampagnen der letzten Jahre gehören ebenso dazu wie psychologische Tricks, um das Ausland zu täuschen.

Sabuschko fühlt sich zurückgebeamt in die 30er Jahre. Was gerade geschehe, sei kein neuer Krieg, sondern ein "ununterbrochener, massiver und alles durchdringender"…

"… den der russische Staat – ganz gleich unter welchem Namen er auftritt – konsequent gegen die zivilisierte Welt führt (…)"

Die Gefahr von Zuspitzungen

All das sei natürlich Wahnsinn, aber es habe Methode. Dass dies vom Westen nicht erkannt oder doch großzügig übersehen wurde, erregt den ungebrochenen Zorn der Autorin. Ihre zuspitzenden Formulierungen – mehr als verständlich, wenn man die Bilder aus der Ukraine sieht. Zuspitzungen aber bergen durchaus Gefahren.

Was schon in früheren Büchern Sabuschkos immer wieder zum Vorschein kam: Es werden eigene Nationalmythen gegen die russische Propaganda gesetzt. Gerade Sabuschkos historische Exkurse wirken teils verklärend, zumindest kennen sie lediglich schwarz und weiß. Gerade von einer hervorragenden Literatin vorgetragen, hat das etwas unangenehm Doktrinäres. Im Frühjahr vertrat sie in der NZZ die These, dass die gesamte russische Literatur immer schon der Unmenschlichkeit russischer Aggressionen Vorschub geleistet habe, Ausdruck des barbarischen russischen Wesens sei.

Bedenkliches und Bedenkenswertes

Das greift sie – abgeschwächt – auch in ihrem Essay auf. Solche Töne kennt man sonst nur von politischen Eiferern, nicht von Dichterinnen. Die Sprache von Sabuschkos jüngstem Essay gleicht einer wütenden Suada: Satzungetüme, an denen Mark Twain seine Freude gehabt hätte, und verwirrend assoziative Argumentationsgirlanden täuschen oftmals komplexe Gedanken eher vor, als sie wirklich zu entfalten.

Dennoch stößt man in diesem Dschungel an Einschüben und Endlossätzen nicht nur auf Bedenkliches, sondern auch auf Bedenkenswertes. Nicht zuletzt auf den zu Recht vorgebrachten Vorwurf, dass der Westen sich zu lange nicht für die Ukraine interessiert habe und stattdessen den Einlullungsversuchen Putins erlegen sei.