"Wir alle sind Widerlinge" von Santiago Lorenzo

Stand: 16.05.2022, 07:00 Uhr

Zum Schreiben zog sich der Filmemacher Santiago Lorenzo aus dem Großstadtbetrieb des eitlen Madrids in ein Bergdorf zurück. Heraus kam der Roman  "Wir alle sind Widerlinge". Sein vierter Roman wurde zur Sensation in Spanien. Nun kommt die deutsche Übersetzung raus. Tobias Wenzel hat sie gelesen.

Santiago Lorenzo: Wir alle sind Widerlinge
Aus dem Spanischen von Daniel Müller und Karolin Viseneber.
Heyne Verlag, 2022.
240 Seiten; 20 Euro.

Flucht aufs Land

Sommer 2015 in Madrid: Manuel, ein Mann Mitte zwanzig, der keinen guten Draht zu anderen Menschen hat, wird von einem Polizisten fälschlicherweise für einen Demonstranten gehalten:

"Er schleuderte Manuel gegen die Wand mit den Briefkästen, holte mit dem Schlagstock aus und peilte mit dem bewaffneten Arm die Schulter des Drangsalierten an. Er würde ihn schlagen – einfach, weil er es konnte."

Manuel rammt dem Polizisten einen Schraubenzieher in den Hals. Er glaubt nicht, dass man ihm die Notwehrsituation abnimmt, rechnet vielmehr mit einer Haftstrafe. Deshalb taucht er in einem komplett verwaisten Dorf unter, mit Hilfe seines Onkels, des Erzählers in Santiago Lorenzos Roman "Wir alle sind Widerlinge".

Probleme mit der Nachbarschaft

Großartig, wie amüsant und doch auch berührend der Autor beschreibt, wie der Eigenbrötler Manuel, übers Handy moralisch unterstützt von seinem Onkel, sich in dem Haus einrichtet, in dem es anfangs nicht einmal Strom gibt, und wie er dann das einsame Dorfleben innig lieben lernt.

Bis eine laute, neureiche Familie aus Madrid ein Nachbarhaus mietet, um dort die Wochenenden zu verbringen. In Manuel staut sich die Wut so sehr an, dass er Rachepläne schmiedet. Die Wut auf Nachbarn ist autobiographisch:

"Wie könnte man unbemerkt ein Haus sabotieren? Diese faszinierende Frage stand am Anfang meines Romans 'Wir alle sind Widerlinge'. Ich selbst zerstöre manchmal etwas Kleines der Wochenend-Dorfbewohner, die es einfach verdient haben. Besonders gerne nehme ich ihre Schilder mit der Aufschrift 'Achtung, Alarmanlage!' ab und werfe sie ihnen ins Haus. Damit signalisiere ich ihnen: Deine verdammte Sicherheit ist gar nichts wert! (lacht) So fühlen sie sich unwohl. Und eines Tages verschwinden sie dann. Ich liebe Sabotage."

Stinkbomben und verstopfte Rohre

Manuel sabotiert das Haus der Nachbarsfamilie während ihrer Abwesenheit. Er versteckt etwa tierische Innereien als Stinkbomben in den Rollladenkästen und verstopft die Abflussrohre mit Spachtelmasse.

Als Leser lacht man da immer wieder laut auf. Denn zuvor hat der Autor die Familie über viele Seiten als grauenhaft beschrieben, wunderbar satirisch überzeichnet. Für diesen Menschenschlag erfindet Manuel gar ein eigenes Wort: die Vulgst:

"Die Vulgst […] war ein Sülzgewürst, das ohne Unterlass Anlass zur mannigfaltigen Lärmemission fand und aufgrund mangelnder Lumenzahl polterte, als gäbe es weder Halten noch Morgen. Wie jene, die sich seit eh und je die Zungen an den Kanten der Joghurtbecher aufreißen und sie dennoch immer wieder ablecken. Die Vulgst war ein Kompendium diachroner Imbezillitäten, exzessiver Ridikültur und säkularer Simplizität, eine Enzyklopädie des Substanzverlusts und der Seelentermiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts nach Christus."

Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Man kann vor der Übersetzungsleistung von Daniel Müller und Karolin Viseneber nur den Hut ziehen. Denn in diesem Roman wimmelt es nur so von Neologismen. Allerdings hat dieses Buch eine Konstruktionsschwäche: Es ist nicht glaubhaft, dass Manuels Onkel nur auf Grundlage von Telefongesprächen beinahe allwissend die Entwicklung seines Neffen schildern kann.

Trotzdem trübt dieses Manko kaum das Vergnügen beim Lesen des urkomischen und betörend originellen Romans. Mit dem hält der Autor nicht nur einem Teil der spanischen Gesellschaft den Spiegel vor. Stichwort: respektlose Widerlinge, Vulgst. Da muss der Autor an sein früheres Leben in der spanischen Hauptstadt denken:

"Ich selbst war so. Wenn auch nur ein wenig. Hier im Haus laufe ich normalerweise den ganzen Tag im Schlafanzug herum. Aber damals in Madrid wollte ich, dass andere den Markennamen meiner Hose erkannten. Das hängt mit der Großstadt zusammen. Das ist Snobismus. In jedem von uns steckt die Vulgst, im einen mehr, im anderen weniger. Man sollte aber dagegen ankämpfen."