"Lincoln Highway" von Amor Towles

Stand: 24.07.2022, 18:49 Uhr

Die Farm ist weg, die Eltern auch – was also tun? Die beiden jungendlichen Brüder Emmett und Billy beginnen ihre Suche nach einer neuen Zukunft auf dem Lincoln Highway und stolpern dabei von einem Abenteuer ins nächste. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Amor Towles: Lincoln Highway
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Hanser, 576 Seiten, 26 Euro

"Lincoln Highway" von Amor Towles Lesestoff – neue Bücher 04.08.2022 05:38 Min. Verfügbar bis 04.08.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann

Download

Zwei Brüder wagen einen Neuanfang - Ziel Kalifornien

Frisch aus dem Jugendknast entlassen, Mutter weg, Vater tot, die verschuldete Farm Eigentum der Bank, der kleinere Bruder schutzbedürftig – was tut man da als Achtzehnjähriger im Jahre 1954, so plötzlich in ein hoffnungsloses Leben geworfen?

"Ich glaube, jetzt wäre für uns ein guter Moment, um etwas Neues zu probieren..."

Emmett hat ein bisschen Angst vor der Reaktion des Bruder, doch zu seinem Erstaunen ist Billy nicht nur völlig einverstanden – er hat sogar schon einen Plan:


"Wir könnten unsere Sachen packen und nach Kalifornien gehen."

Also laden, tanken, aufbrechen

Dort, vermutet Billy, lebt ihre Mutter, und er ist so besessen von dieser Idee, dass Emmett, der eigentlich Texas angepeilt hatte, schließlich nachgibt. Sie holen das einzige Wertobjekt aus der Scheune, das vor dem gierigen Zugriff der Bank gerettet werden konnte: Emmetts 1948er Studebaker. Ein Juwel, rauchblau, viertürig, festes Dach und ihr rollendes Hotel auf dem Weg in eine neue Zukunft: Vom alten Haus in Nebraska soll es Richtung Westen gehen, auf dem historischen Lincoln Highway, der in gerade Linie quer über den gesamten Kontinent von New York nach San Francisco führt. Also laden, tanken, aufbrechen. Und dann stehen plötzlich Duchess und Woolly vor der Tür, Emmetts Kumpel aus dem Knast - mit ganz eigenen Plänen.

"Auf halbem Weg den Hügel hinunter sah Emmett Billy im Gras sitzen, seinen Rucksack neben sich (...). Duchess, Woolly und der Studebaker hingegen waren nirgendwo zu sehen. 'Wo ist der Wagen? – (...) Duchess und Woolly haben ihn sich geliehen. Aber sie bringen ihn zurück. – 'Wann bringen sie ihn zurück?' - Wenn sie in New York gewesen sind."

Die Freunde aus dem Knast entwenden das Auto

New York - genau die entgegengesetzte Richtung! Wütend und verzweifelt macht sich Emmett mit Billy an die Verfolgung der beiden Autoentführer. Und damit gewinnt auch "Lincoln Highway" an Fahrt, Amor Towles liebenswerter und heiter-kluger Beitrag zum Thema Road Novel, diesem mythenbeladenen Genre der amerikanischen Literatur. Seite Jack Kerouacs legendärem "On the Road" von 1953 besingt es den Rausch der Straße, das Abenteuer des Unterwegsseins, oft ohne festes Ziel, manchmal als Weg zur Selbstfindung oder Aufbruch in ein neues Leben. Emmett hat zwar anderes im Kopf als Rausch und Selbsterfahrung, doch Billy, hoch intelligent und belesen, verfällt dem Geist der Geschichte: er wird zum Autor.

"Homer fing seine Geschichte in medias res an, was mitten in den Dingen bedeutet. (...) Und seitdem werden die besten Abenteuergeschichten so erzählt. – Billy sah seinen Bruder an. - Ich glaube bestimmt, dass wir mit unserem Abenteuer angefangen habe. Aber ich kann erst anfangen es aufzuschreiben, wenn ich weiß, wo die Mitte ist."

Die beiden Brüder wirbeln von einem Erlebnis ins nächste

Sprich: wenn er das Ende kennt. Bis dahin aber stürzt der Autor die beiden Brüder von einem wirbligen Erlebnis ins nächste, lässt sie auf verdammt gefährliche Betrüger stoßen und auf die seltsamsten Helfer, darunter einen Ulysses, die moderne Version des griechischen Odysseus, kurz, schickt sie auf eine Reise voll unerwarteter Entwicklungen. Er zeigt aber auch die dunklen Seiten seiner Protagonisten: Duchess’ zynische Kriminalität, geboren aus bitterem Verrat, Woollys Einfalt, ein Opfer seiner Familie, Billys altkluge Überlegenheit, Emmetts Gradlinigkeit, vermischt mit Spuren von Gewalt.

"Emmett sah, das Duchess etwas sagen wollte. (...) Doch bevor er damit beginnen konnte, packte Emmett ihn beim Kragen und hob die Faust."

Eine wunderbar farbige Geschichte, voller literarischer Bezüge

Selbst wer die Lektüre etwas zweifelnd begonnen haben mag – "noch so ein Highway Roman?" – wird unwiderstehlich hineingezogen in eine wunderbar farbige Geschichte, voller literarischer Bezüge, und dass sie 1954 spielt, ist eben auch eine Verbeugung vor Jack Keroucs Road Novel von 1953. Und natürlich bekommen die Brüder ihren Studebaker wieder. Also zurück auf den Lincoln Highway, von New York direkt nach San Francisco - Amerika vom Feinsten:

"Wenn man", sagte Woolly (...), „wenn man das alles so zusammen ansieht, mit dem Anfang am Anfang und der Mitte in der Mitte und dem Ende am Ende, dann muss man einfach feststellen, dass der Tag in seiner Einzigartigkeit ein einzigartiger Tag war."