"Der Baum" von John Fowles

Stand: 29.07.2022, 12:20 Uhr

Der Brite John Fowles (1926–2005) gehörte zu den bedeutendsten Autoren der Postmoderne. Nun liegt mehr als vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung ein bedeutender ökologischer Essay von ihm erstmals auf Deutsch vor. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn

John Fowles: Der Baum
Ein Essay. Mit zwei ergänzenden Fowles-Essays im Anhang
Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Michael Lehmann
Friedenauer Presse, 164 Seiten, 20 Euro

"Der Baum" von John Fowles Lesestoff – neue Bücher 03.08.2022 05:40 Min. Verfügbar bis 03.08.2023 WDR Online Von Andreas Wirthensohn

Download

John Fowles war ein Naturmensch

John Fowles war das, was man gemeinhin gern einen Naturmenschen nennt. Die Großstadt London wurde ihm im Laufe seines Lebens immer verhasster, und seit Mitte der 1960er Jahre wohnte er bis an sein Lebensende zurückgezogen im südenglischen Hafenstädtchen Lyme Regis, umgeben von einem weitläufigen Garten, in dem er seine Liebe zur Natur ausleben konnte.

"Hier in Lyme Regis hat ein großer Garten von mir Besitz ergriffen – nicht umgekehrt. Ich benehme mich darin, wie ich es mit Texten halte: Ich verfolge Alternativen. Die meisten Pflanzen, sowohl die wilden als auch die gezüchteten, tragen den Zeitpunkt ihrer Epiphanie (ihres quasi göttlichen Erscheinens vor den Menschen) bereits in sich. Das mag von Jahr zu Jahr variieren, doch wenn sie wie jedes Jahr explosionsartig aufblühen, erscheinen sie in höchstem Maße vollkommen, vollendet und geeignet, à la japonaise betrachtet zu werden, auf die Art des Zen-Buddhismus. Ihre Epiphanie ereignet sich, wenn ihre Existenz sich am stärksten nach dem Sichtbarwerden sehnt."

Fowles verknüpft die Themen Natur, Kunst und Schreiben

Diese enge Beziehung zur Natur hat nicht nur unzählige Passagen in Fowles‘ erzählerischen Werken geprägt, sondern auch essayistischen Niederschlag gefunden. Allen voran der autobiografisch grundierte Text "Der Baum" verknüpft auf bemerkenswerte Weise die Themen Natur, Kunst und Schreiben. Erschienen ist er 1979, also zu einer Zeit, da in Europa die Umweltbewegung an Dynamik gewann. 1972 hatte der Club of Rome seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht, und im Gefolge bildeten sich immer mehr Organisationen und Bürgerinitiativen, die sich einen anderen Umgang mit der Natur auf die Fahnen geschrieben hatten. Genau den propagiert auch Fowles. Doch ihm geht es nicht um konkrete ökologische Anliegen, sondern um ein neues Verhältnis zwischen Mensch und natürlicher Welt. Alles, was mit menschlicher Naturbeherrschung zu tun hat, ist ihm ein Graus, und dazu zählt auch das Klassifizieren und Kategorisieren der Naturwissenschaften. Für ihn dagegen ist die Natur interessant als gänzlich andere Form des Seins, die mit den Ordnungsvorstellungen der Menschen nicht wirklich zu erfassen ist:

"Erfahrung ist typischerweise 'wild' in dem Sinn, den mein Vater so verabscheute: unphilosophisch, irrational, unkontrollierbar, unberechenbar."

Verhältnis zur Natur nicht wissenschaftlich, sondern poetisch

Der Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, und für ihn hatte nach dieser traumatisierenden Entgrenzungserfahrung der eigene Garten der vollkommene Gegensatz zu jedem Schlachtfeld zu sein: streng kontrolliert, sicher, sauber geordnet. Den Sohn hingegen fasziniert das Wilde in der Natur, das Chaotische, das nicht zu Verstehende, und das ideale Verhältnis des Menschen zur Wildnis von Flora und Fauna ist nicht eines der Beherrschung, sondern der Symbiose. So wie Bäume gesellige Geschöpfe sind, so müssen auch wir eine Art soziale, gleichberechtigte Kameradschaft zu Pflanzen und Tieren entwickeln. Die Öko-Philosophie, die Fowles hier schon Ende der 1970er Jahre entwickelt, gewinnt erst heute, im 21. Jahrhundert, so richtig an Fahrt, etwa wenn vom symbiotischen Planeten, von Verwilderung die Rede ist oder gefordert wird, wir müssten die Hälfte des Planeten ganz der nicht-menschlichen Welt überlassen. Nun wollte John Fowles, wie er einmal in einem Interview betonte, nicht nur ein guter Philosoph, sondern auch ein guter Dichter sein. Insofern verwundert es nicht, dass er dafür plädiert, unsere Einstellung gegenüber der Natur solle nicht wissenschaftlich, sondern poetisch sein.

"Womöglich versteht Wissenschaft sogar die Natur; aber sie kann nie verstehen, was die Natur von uns verlangt. Davon haben Dichter wie Keats oder Wordsworth mehr im kleinen Finger als alle Biologen der Schöpfung."

Das hat durchaus etwas Neo-Romantisches an sich. Es geht Fowles freilich nicht um eine Verklärung der Natur, sondern darum, dass in seinen Augen nur ein persönlich erlebtes, assoziatives, sprich: romantisches Verhältnis zur Natur dazu führt, dass Menschen sie bewahren wollen. Ökologie hat bei Fowles immer auch etwas mit Spiritualität zu tun.

Die insgesamt drei Essays dieses Bandes – neben dem "Baum" gibt es noch zwei kleinere, ergänzende Texte – sind keine ganz einfache Lektüre: Sie sind argumentativ sehr dicht gewoben, voller Referenzen und Anspielungen, die dem deutschen Leser nicht unbedingt geläufig sind. Umso mehr hätte man sich zusätzlich zu den Anmerkungen des Herausgebers noch ein ausführlicheres Nachwort gewünscht. Trotzdem: Die Gedanken, die Fowles hier entwickelt, sind heute, im Angesicht des fortschreitenden Klimawandels und Artensterbens, aktueller und drängender denn je.