"Die Stadt" von Walerjan Pidmohylnyj

Stand: 17.05.2022, 07:00 Uhr

Walerijan Pidmohylnyjs erstmals ins Deutsche übersetzte Roman "Die Stadt" von 1928 ist große Literatur: Gefühlsgenau, voller Existenzmomente, stilistisch brillant.
Eine Rezension von Christine Hamel.

Walerijan Pidmohylnyj: Die Stadt
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratovil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald.
Guggolz Verlag, 2022.
416 Seiten, 26 Euro.

"Die Stadt" von Walerjan Pidmohylnyj Lesestoff – neue Bücher 17.05.2022 05:32 Min. Verfügbar bis 17.05.2023 WDR Online Von Christine Hamel

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Eine Geschichte der Bezauberung

Er wolle mit seinem Roman, notierte Walerijan Pidmohylnyj 1929, die Stadt "der ukrainischen Psyche näher bringen." Eine Geschichte der Bezauberung also. Sie beginnt mit einer Schiffsfahrt über den Dnepr: Stepan Radtschenko, ein junger Mann aus dem Dorf macht sich auf nach Kiew, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Es sind die Jahre des NEP, der "Neuen ökonomischen Politik", die kurz nach der Revolution von 1917 für wirtschaftlichen Aufschwung sorgen soll. Stepans Stimmung ist gehoben, nicht nur weil auch seine Klassenkameradin Nadijka nach Kiew fährt, die Stepan – so heißt es im Roman – "für die schönste Frau an Bord" hält. Aufbruch liegt in der Luft.

"Kyjiw! Das war die große Stadt, in der er studieren und leben würde. Das war das Neue, in das er eintauchen wollte, um seine langgehegten Träume zu verwirklichen."

Pidmohylnyjs 1928 erschienener Roman "Die Stadt" ist eines der Hauptwerke der ukrainischen Moderne. Über knapp 400 Seiten entfaltet der 1901 geborene Autor und Übersetzer aus dem Französischen den Aufstieg seines Helden zum Schriftsteller.

Persönliche Rückschläge und Aggressionen

Kiew empfängt den draufgängerischen und hochmütigen Dorfburschen mit aller Härte. Stepan kommt in der Scheune einer Kaufmannsfamilie unter, melkt Kühe, hackt Holz und holt Wasser. Ganz wie auf dem Land.

Persönliche Rückschläge wie etwa das Abblitzen beim wichtigen Literaturkritiker der Stadt – in seiner bäuerlichen Naivität sucht Stepan ihn mit seiner Story unangemeldet zuhause auf - verwandelt er in plötzlich aufbrausende Aggression. Er zerreißt seine Geschichte und gleich darauf auch Nadijka, mit der ihn inzwischen eine zarte Liebe verbindet.

"Mit einem Mal umarmte er sie, drückte sie an sich, leidenschaftlich, wütend, gedemütigt. Sie umfasste Stepans Kopf und wollte ihn zu sich ziehen, ihn küssen, doch wie erstarrt presste er sie immer fester, so dass sie sich kaum zu rühren vermochte. (…) Sie konnte kaum atmen, stöhnte vor Schmerz, plötzlich merkte sie, wie er sie nach unten drückte, ihre Knie nachgaben, einknickte, und dann zogen an ihrem Blick Wolkenfetzen am Himmel vorbei."

Dass man nach dieser Vergewaltigung nicht alle Sympathie für Stepan Radtschenko verliert, liegt an der sprachlichen Brillanz und der an Sigmund Freud geschulten Virtuosität, mit der Pidmohylnyj der Psychodynamik seines Helden auf den Grund geht.

Das Psychogramm der modernen Stadt

"Die Stadt" – im ukrainischen Original "Misto" - ist zum einen ein realistisch gesättigtes Psychogramm der modernen Stadt und zum anderen ein Psychogramm des Menschen, der den Sprung in die Moderne bewältigen muss.

Im Zentrum stehen dabei neben Fragen nach Freiheit, dem Lebenssinn und der Wahl der Kampf zwischen Lust und Ratio, den Pidmohylnyj anders als sein literarisches Vorbild Maupassant nicht als moralisches Dilemma gestaltet, sondern als existenziellen Kampf zwischen Vernunft und Unvernunft.

Klug, komisch und nahegehend

Stepans Eroberung der Stadt parallelisiert Pidmohylnyj mit zahlreichen Liebschaften, die mit Szenen aus dem literarischen Leben der Stadt wechseln. Hier verhandelt Pidmyholnhy äußerst amüsant auch die Frage der ukrainischen Sprache, die sich, obwohl er Muttersprachler ist, als widerspenstisch erweist  und genauso wie Stadt und Frauen seinen Eroberungsinstinkt weckt.

"Schon bei der ersten Salve einer schweren Batterie von stimmlosen Vokalen und Gesetzen der Aussprache verlor er die Orientierung, und der Zielbeschuss von Schnellfeuersubstantiven und Verbalkanonen zwang ihn zu einem schmachvollen Rückzug und ließ ihn in dem inbrünstigen Wusch zurück, diese unvermutete Festung zu nehmen, komme da, was wolle."

"Die Stadt" bietet maximales Lektüreglück: zärtlich, klug, hart, komisch und so nahegehend wie ein Existenzroman nur sein kann.