Explosion im Chempark Leverkusen: Wie giftig sind die Stoffe aus der Rauchwolke?

Von Nico Karrasch / Oliver Scheel

Laut Landesumweltamt sind nach der Explosion im Chempark Leverkusen möglicherweise Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen entstanden, die mit der Rauchwolke über das Gebiet verteilt werden konnten. Wie giftig sind die Stoffe und was bedeutet das für die Anwohner?

Nach der gewaltigen Explosion im Leverkusener Chempark ist die Frage nach möglichen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung in den Vordergrund gerückt.

Wurde mit der Rauchwolke Gift freigesetzt?

Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt (LANUV) teilte mit, man gehe derzeit davon aus, dass möglicherweise über die freigesetzte Rauchwolke "Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen" in die umliegenden Wohngebiete getragen worden seien.

Untersuchungen dazu laufen derzeit im Essener Dioxin-Labor des LANUV. Die Proben werden untersucht, weil bei einem Brand von chlorhaltigen Lösungsmitteln unter anderem solche Dioxinverbindungen entstehen können. Analysenergebnisse werden aber frühestens Freitag vorliegen.

Laut Bundesumweltamt ist Dioxin im allgemeinen Sprachgebrauch eine Sammelbezeichnung für chemisch ähnlich aufgebaute chlorhaltige Dioxine und Furane. Sie entstehen unerwünscht bei allen Verbrennungsprozessen in Anwesenheit von Chlor und organischem Kohlenstoff unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel bei bestimmten Temperaturen. Dioxine können auch bei Waldbränden und Vulkanausbrüchen entstehen.

Der Begriff Dioxin wurde vor allem in Zusammenhang mit dem Unglück im italienischen Seveso bekannt, bei dem ein ganzes Gebiet verseucht wurde.

PCB (polychlorierte Biphenyle) wurden bis in die 1980er-Jahre als technische Gemische produziert, vor allem für Transformatoren und elektrische Kondensatoren. PCB ist in Deutschland seit 1989 verboten, die fachgerechte Entsorgung, ohne die Umwelt zu belasten, ist laut Bundesumweltamt ein großes weltweites Problem.

Sind die Verbindungen gefährlich?

Die Frage nach der Konzentration ist entscheidend. "Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen werden durchaus in Zusammenhang gebracht mit Missbildungen bei Neugeborenen von Tieren, weniger beim Menschen, als Umweltöstrogene oder auch Krebs erregende Substanzen beim Menschen", sagte Daniel Dietrich, Leiter der Arbeitsgruppe Human- und Umwelttoxikologie an der Universität Konstanz.

"Aber - und das ist das große Aber - nur in hohen Konzentrationen. Und die liegen nicht vor, wenn das entsprechende Gebiet im Laufe der Zeit gereinigt und dekontaminiert wird."

Die Stoffe klebten an Oberflächen, sagte er. "Sie springen einen nicht an, man müsste sie schon aktiv in den Körper transportieren - etwa, wenn man sich nach der Arbeit im Garten die Hände abschleckt." Selbst wenn man von oben bis unten mit den Partikeln bedeckt wäre, könnte man diese ohne Gefahr mit Seife abwaschen.

"Nach meiner Einschätzung besteht also keine akute Gefahr für die Bevölkerung, wenn sie sich an die Handlungsempfehlungen des Landesumweltamtes und der anderen involvierten Behörden hält", sagte Dietrich.

Wie sehen die Handlungsempfehlungen für die Bürger aus?

"Welche Stoffe bei dem Unfall entstanden sind und vor allem wie viel davon, hängt neben der genauen Zusammensetzung der Lösungsmittel, und das kann ja eine Mischung gewesen sein, auch davon ab, bei welchen Temperaturen die verbrannt sind und wie viel Sauerstoff dabei zur Verfügung stand. Und sowas lässt sich ohne Messungen eben nicht sagen", sagte Magdalena Schmude von Quarks.

Da die endgültige Analyse der freigesetzten Schadstoffen und deren Konzentration noch aussteht, hält die Stadt Leverkusen ihre Empfehlungen an die Bürger aufrecht. Der Ruß sollte nicht in die Wohnung getragen werden, Schuhe sollten draußen gelassen werden. Neben Obst und Gemüse seien in den betroffenen Arealen etwa auch Gartenmöbel oder Pools zu meiden. Wer dringend im Garten arbeiten müsse, sollte dabei vorsorglich Handschuhe tragen.

Die Spielplätze in den - nahe am Explosionsort gelegenen - Stadtteilen Bürrig und Opladen bleiben vorerst gesperrt. Bereits am Dienstag hatte die Kommune erklärt, Chempark-Betreiber Currenta werde "zeitnah die Straßen, Gehwege und Hauseingänge reinigen".

Currenta selber und die Stadt Leverkusen haben Hotlines eingerichtet. Unter der Nummer 0214-2605 99333 können die Bürger sich informieren und verdächtige Substanzen melden.

Nach Chemie-Explosion in Leverkusen: Weiter Warnung vor Ruß WDR aktuell - Der Tag 28.07.2021 10:10 Min. Verfügbar bis 28.07.2022 WDR 3

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