Notruf-App "Nora": Gespaltene Meinung unter Gehörlosen

Von Nina Magoley

Für Gehörlose ist es mühsam, im Notfall per Handy die Feuerwehr oder Polizei zu rufen. Die neue App "Nora" - made in NRW - soll da helfen. Doch in der Gehörlosen-Community regt sich Kritik.

Wer im Notfall die 112 oder 110 rufen muss, ist ohnehin schon gefordert: Eventuell in Aufregung oder Panik gilt es, der Polizei oder Feuerwehr möglichst klare Informationen darüber zu geben, was passiert ist - und vor allem wo. Für Menschen, die schlecht oder gar nicht hören können, ist das noch viel schwerer. Betroffene sind häufig auf die Hilfe anderer angewiesen oder müssen gar ein Fax senden. Seit Anfang dieser Woche gibt es die Notruf-App "Nora", die in solchen Situationen helfen soll.

App übermittelt Standort

So funktioniert "Nora": Nach dem Download im App-Store muss man sich einmalig anmelden, mit Namen und Telefonnummer. Wird der Notruf gewählt, erkennt die App automatisch den Standort des Handys und übermittelt diesen mit einem Klick an die jeweilige Leitstelle. Damit wird dort Alarm ausgelöst.

Danach stellt die App weitere Fragen, die helfen sollen, die Gefahrenlage einzuschätzen: Soll die Polizei oder die Feuerwehr alarmiert werden? Sind Menschen verletzt? Geht es um einen Einbruch oder einen Brand? Sind alle Fragen beantwortet, wird der detailliertere Notruf abgesetzt. Wichtig ist: Auch ohne diese zusätzlichen Infos geht der Notruf raus.

Nora ist bis auf Berlin in allen Bundesländern verfügbar. Entwickelt wurde das Projekt in Köln, federführend betreut vom nordrhein-westfälischen Innenministerium.

Kritik: Keine Gebärdensprache möglich

Doch in der Zielgruppe regt sich Kritik an der Machart der App. Der Deutsche Gehörlosen-Bund, der "Nora" vorab testen konnte, hatte schon im Juli beanstandet, dass die App an sich zwar eine gute Sache sei, aber ein großes Manko habe: Notrufe können nicht über Deutsche Gebärdensprache (DGS) abgesetzt werden. Das fordere der Gehörlosen-Bund bereits seit über zehn Jahren - in der neuen App sei das aber "bedauerlicherweise nicht umgesetzt worden", heißt es in einer Stellungnahme: "Die Bedürfnisse von Gehörlosen und anderen Menschen mit Hörbehinderungen sind in Bezug auf die Nutzung der Gebärdensprache nicht ganz berücksichtigt worden."

Community: "Es bleibt weiter mühsam"

Die Reaktionen auf die App in der Gehörlosen-Community fielen sehr unterschiedlich aus, schreibt Björn Pfeiffer, selber gehörlos, dem WDR auf Instagram: "Ein kleiner Teil findet sie toll, es sei egal, dass es kein DGS gibt - Hauptsache, es gibt etwas, das sei wichtig. Ein anderer Teil bemängelt die fehlende DGS-Funktion."

Notrufe ohne technische Unterstützung abzusetzen, sei für gehörlose Menschen ohnehin sehr mühsam. "Durch Nora wird es nicht sehr viel leichter, sondern bleibt auch weiterhin mühsam - denn es ist keine DGS-Funktion vorhanden."

Bloggerin Christine Eggert schreibt: "Es werden zu viele Fragen gestellt." Dem Betroffenen in einer Notsituation bis zu zwölf Fragen zu stellen, sei sinnlos. "Die meisten Menschen sind aufgeregt und können sich dann schlecht konzentrieren: Dann führt es zu Missverständnissen! Deswegen benötigen wir dringend eine eine Möglichkeit für Gebärdensprache in der App."

Reul: "Mehr Selbstbestimmung"

Bei der Vorstellung der App am Dienstag hatte NRW-Innenminister Herbert Reul gesagt, das Angebot richte sich in erster Linie an Menschen, die aufgrund einer Hör- oder Sprachbehinderung schlecht am Telefon kommunizieren könnten. Ihnen solle die App "ein großes Stück mehr Sicherheit und vor allem auch Selbstbestimmung" geben.

Hilfreich sein könne sie aber auch für Menschen, die kein Deutsch können oder in einer Notlage, etwa nach einem Unfall oder einem Schlaganfall, nicht sprechen können.

Am Donnerstag war die App übrigens für den Download schon vorübergehend nicht mehr verfügbar: Wegen Überlastung war der Server zusammengebrochen. Das Problem würde bald gelöst, hieß es.