Kommentar: Warum NRW Corona besser steuert als gedacht

Von Christoph Ullrich

NRW wird für sein Corona-Management oft gescholten. Aber ist das wirklich so schlecht? Nein, sagt unser Kommentator.

Wenn man in den vergangenen Monaten auf soziale Netzwerke und den ein oder anderen journalistischen Beitrag geschaut hat, dann mag man den Eindruck bekommen, in NRW herrsche der Corona-Notstand. Da liest man dann von unfähigen Politikern und Politikerinnen, welche die Gesellschaft mit dem Virus alleine lassen und auf die Gesundheit der Menschen pfeifen.

Mal weg von Schwarz-Weiß

Aber wie das mit Schwarz-Weiß-Malerei ist, die Realität bildet sie selten ab. Natürlich sind viele der politischen Spielchen rund um die Ministerpräsidenten Laschet wie Wüst nervig - sei es regierungs- wie oppositionsseitig. Und natürlich laufen in einer für alle unbekannten Situation Dinge aus dem Ruder und nicht sauber. Ein Beispiel dafür sind auch in NRW die obskuren Geschichten um die Maskenbeschaffung in der Frühphase der Pandemie.

Aber lassen wir das mal alles beiseite. Schauen wir auf das, was es strukturell im Land gibt und gab, um Corona einzudämmen. Da sieht das Bild anders aus - zumindest bei den Dingen, die das Land komplett in der eigenen Hand hat.

Testen, Testen, Testen - in NRW früh

So war Nordrhein-Westfalen das erste Land, das den Sinn von flächendeckenden Tests erkannte. Als die oppositionelle SPD vor einem Jahr nach Teststationen an jeder Ecke rief, lachten die meisten Menschen - inklusive der Regierung. Aber schnell erkannte vor allem die FDP den Sinn dieser Forderung. Als die Tests im Frühjahr auf den freien Markt kamen, gab es kein Land mit besserer Testinfrastruktur als NRW. Davon profitiert man jetzt wieder.

Als vorher die Impfungen kamen, war es Gesundheitsminister Laumann, der stur und konsequent an der Priorisierung festhielt und somit schnell die gefährdeten Gruppen schützte. Als es ans Boostern ging, schickte Laumann - noch vor allen anderen Ländern - die mobilen Impfteams in die Pflegeheime. 90 Prozent der Betroffenen waren drittgeimpft, weit bevor das Thema in ganz Deutschland überhaupt erst so aufgeregt diskutiert wurde.

Schulen durchbrechen Infektionsketten

Dann ist da die Sache mit den Schulen. Ja, die Förderprogramme, das Gezerre mit dem Bund für und um Raumluftfilter - das alles ist traurig. Aber: In keinem anderen Bundesland wird rigider an den Schulen getestet. Exklusiv hat das Land sogar die seit Monaten laufenden PCR-Pooltestungen an den Grundschulen. Der Effekt: Nahezu jede Infektion wird gefunden, Ketten werden unterbrochen - Studien bescheinigen diesem Konzept inzwischen, dass es ein wichtiger Baustein dafür ist, das sogenannte Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten. 

Und ein Blick auf die hohen Impfquoten bei den Erwachsenen in NRW - weit über 80 Prozent, 90 Prozent sogar bei den Menschen über 60 - sprechen auch für eine eher gelungene Impfkampagne. 

Demokratisch harter, aber stetiger Austausch

Und auch demokratisch wurde - trotz häufiger Scharmützel zwischen Kommunen und Landesregierung - gut gehandelt. Im Landtag gab es stets einen Austausch um die besten Konzepte. Also kein breitbeiniger Versuch der Regierungen, per Dekret am Landtag vorbei zu handeln. Es wurden sogar Gesetze zurückgezogen, weil es keine Zustimmung der Opposition gab. 

So gilt für mich: Sicher ist und war nicht alles gut im Land. Aber es läuft strukturell besser, als manche öffentliche Debatte es erscheinen lässt. 

Die Corona-Maßnahmen werden demokratischer WDR RheinBlick 19.11.2021 32:43 Min. Verfügbar bis 19.11.2022 WDR Online

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