Statt 9-Euro-Ticket: Kommt bald ein 69-Euro-Ticket?

Stand: 15.07.2022, 21:20 Uhr

Das 9-Euro-Ticket ist so erfolgreich, dass die Rufe nach einem Nachfolger immer lauter werden. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat sich nun für ein 69-Euro-Ticket ausgesprochen. Ein realistischer Vorschlag?

Mit dem 9-Euro-Ticket können Fahrgäste noch bis Ende August Busse und Bahnen in ganz Deutschland nutzen. Mit der dreimonatigen Aktion sollen Bürger und Umwelt entlastet werden. Das Ticket ist so erfolgreich, dass über seine Verlängerung diskutiert wird. Der jüngste Vorschlag kommt vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff hat sich für ein dauerhaftes 69-Euro-Ticket ausgesprochen.

Wie genau soll das 69-Euro-Ticket funktionieren?

Wolff hatte am Donnerstag gesagt, die Branche könne ein solches Klimaticket ab 1. September anbieten. "Dafür bräuchten wir allerdings sehr schnell den entsprechenden Auftrag seitens der Politik." Anders als das 9-Euro-Ticket würde die 69-Euro-Fahrkarte nicht automatisch auch für Abonnentinnen und Abonnenten gelten, hieß es. Fahrgäste müssten vielmehr abwägen, welches Abo für sie am besten passt.

Eine besonders relevante Zielgruppe für das Klimaticket seien laut Marktforschungsdaten "zahlungswillige Autofahrerinnen und -fahrer", erklärte VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff. Doch bei der WDR-Umfrage an einer Tankstelle kam der Vorschlag nicht gut an.

Die Kosten für ein solches Angebot bezifferte Wolff auf rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Für dieses Jahr ließen sich die Kosten noch über den mit der Politik ausgehandelten Rettungsschirm für die Verkehrsunternehmen finanzieren. "Für das neue Jahr braucht es dann eine neue Regelung." Zur Finanzierung brachte Wolff die Idee eines weiteren Sondervermögens wie für die Bundeswehr ins Spiel.

Was sagt die Politik?

SPD-Fraktionsvize Detlef Müller plädierte im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) ebenfalls für eine Nachfolgeregelung. Ob ein Anschlussticket dann 39, 49 oder 69 Euro kostet, sei zweitrangig. "Es muss aber in einem Rahmen sein, der psychologisch wirkt und sich für Menschen lohnt, ihr Auto stehen zu lassen." Müller schlug vor, bis zur Verkehrsministerkonferenz im Herbst einen Vorschlag für eine Fortsetzung des Tickets und deren Finanzierung zu entwickeln.

Oliver Krischer (Grüne) | Bildquelle: xThomasxTrutschel/photothek.dex

Der neue NRW-Umwelt- und Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) lobte am Montag im WDR die einfache Nutzung des 9-Euro-Tickets. Es sei gar nicht so sehr der geringe Preis, "sondern die Einfachheit. Man kann einfach einsteigen und losfahren, ohne über irgendwas nachzudenken oder sich mit dem Automaten auseinanderzusetzen." Man müsse allen Menschen, die gemerkt haben, dass der Öffentliche Verkehr etwas Spannendes sein kann, nun ein Folgeangebot machen.

Am Freitag äußerte sich Krischer im WDR positiv zur Debatte über ein 69-Euro-Ticket und sprach von Beratungen in den kommenden Tagen und Wochen.

Gibt es andere Ideen zur Fortführung des 9-Euro-Tickets?

Die gibt es. Der Bremer SPD-Politiker Mustafa Güngör schlägt zum Beispiel ein 365-Euro-Jahresticket vor. Im WDR sagte er, die Erfahrungen mit dem 9-Euro Ticket hätten gezeigt, dass die Menschen bereit seien umzusteigen. "Wir würden jetzt gerne für ein Jahr ein Preismoratorium mit einem 365-Euro-Ticket einführen. Dann haben wir eine Planungssicherheit für Bund und Länder." Einen Brief mit diesem Vorschlag hat Güngör als SPD-Fraktionschef im Bremer Senat bereits an die Fraktionschefs aller Länder geschickt.

Die Sozialverbände in Nordrhein-Westfalen haben ähnliche Vorstellungen. Ihr Vorschlag: Ein monatliches Ticket zum Preis von 29 Euro. Denn zumindest für Menschen mit geringem Einkommen müsse ein bezahlbares Folgeangebot für das 9-Euro-Ticket her.

Für sie biete das Ticket die Möglichkeit, ohne Existenzängste mobil zu sein. Die Verbände verwiesen auf die Stadt Bielefeld, in der es seit April ein 29-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr für Menschen gibt, die etwa Leistungen der Grundsicherung erhalten.

Wie sollen günstige Tickets finanziert werden?

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) | Bildquelle: dpa

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte das 9-Euro-Ticket bereits knapp sechs Wochen nach seinem Start als "fulminanten Erfolg" bezeichnet. Zugleich hatte er den Anstoß zur einer große ÖPNV-Reform angekündigt: "Wenn die komplizierten Tarifzonen verschwinden und die Tickets bundesweit gelten, wird der öffentliche Nahverkehr sehr viel stärker genutzt", erklärte Wissing in einem Zeitungsinterview.

Ob der Bund den Ländern dauerhaft Geld für Billigfahrscheine zuschießen werde, hatte Wissing offengelassen. Der Bund könne Monatstickets für 9 Euro nicht dauerhaft finanzieren. Das wären jährlich rund zehn Milliarden Euro.

Am Freitag sagte der Bundesverkehrsminister im Gespräch mit der ARD, er freue sich, dass es viele Vorschläge gebe und viele über ein Anschlussticket nachdenken. Das werde man genau prüfen, auch eigene Modelle durchrechnen und dann mit den Ländern beraten.

Verbilligte Angebote wahrscheinlich

Andrea Groß aus der WDR-Wirtschaftsredaktion gibt zu bedenken, dass "billige Tickets allein nicht reichen." Auch die Infrastruktur zur Beförderung müsse funktionieren. Dennoch werde es wahrscheinlich weiter verbilligte Angebote geben, denn "einmal aus der Tube geht es nur schwer wieder zurück."

Bei der Finanzierung laufe es letztlich auf die Steuerzahler hinaus. Man könne sich aber durchaus fragen, weshalb die Bundesregierung jährlich viele Milliarden für klimaschädliche Subventionen wie Dieseltreibstoff oder Kerosin ausgebe, aber bei umweltschonenden Maßnahmen wie einem günstigen ÖPNV "mit spitzem Stift rechnet".