Eine erschöpfte Krankenschwester.

Behandlung von Long Covid: "Im psychologischen Bereich ansetzen"

Stand: 24.03.2022, 06:00 Uhr

Dem Argument des oft milden Verlaufs der Omikron-Variante wird regelmäßig das Argument "Long Covid" entgegengehalten. Einer Studie der Uniklinik Essen zufolge kann Long-Covid-Patienten vor allem über den psychologisch-seelischen Weg geholfen werden.

Long Covid - laut Robert Koch-Institut sind das "Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase von vier Wochen fortbestehen oder auch neu auftreten können und nicht anderweitig erklärt werden können".

Darum müssen wir Long Covid besser verstehen

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Professor Christoph Kleinschnitz, Direktor der neurologischen Klinik an der Uniklinik Essen, hat die Daten von 500 Long-Covid-Patienten für eine Studie genutzt. Die häufigsten Symptome waren demnach starke Müdigkeit, sogenannter Nebel im Kopf und generell eine verminderte Leistungsfähigkeit. Im WDR-Interview erläutert Kleinschnitz die Erkenntnisse aus der Studie.

WDR: Wer ist von Long Covid besonders betroffen?

Prof. Christoph Kleinschnitz: Wir konnten als Risikofaktor identifizieren, dass vor allem Patientinnen und Patienten, die schon psychologisch-psychatrische Vorerkrankungen hatten, besonders anfällig für Long-Covid sind - etwa Menschen mit Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen.

Dann haben wir uns die Berufe näher angeguckt. Und wir fanden, dass vor allem Menschen in Verwaltungsberufen, Lehrberufen oder im Beamtentum sich signifikant häufiger bei uns in der Long-Covid-Ambulanz vorstellten, als Patientinnen und Patienten, die eher handwerkliche Berufe haben - also Berufe wie Bauarbeiter oder Berufe mit starker körperlicher Arbeit.

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WDR: Worauf lässt das schließen?

Kleinschnitz: Es hängt sicherlich damit zusammen, dass Menschen, die eher in sitzender Tätigkeit oder geistig arbeiten, vielleicht auch eher ihren Gesundheitsstatus reflektieren und sich generell mehr für Gesundheitsthemen interessieren. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass Leute, die körperlich arbeiten, sich Ausfälle oder langfristige Ausfälle nicht ganz so gut leisten können. Das betrifft übrigens auch Selbstständige.

WDR: Also könnte Long Covid in vielen Fällen auch auch ein psychisches oder psychosomatisches Problem sein?

Kleinschnitz: Die Daten unserer Studie zeigen, dass die Psychologie, die seelische Belastung - durch die Pandemie oder durch bestehende Vorerkrankungen im psychiatrischen Bereich - in der Tat ganz wichtig sind bei der Symptomentstehung von Long Covid. Hinzu kommt natürlich die mediale Aufmerksamkeit auf der ganzen Welt. Und diese Dinge unterhalten sehr stark die Symptombildung und dieses Massenphänomen.

Das bedeutet nicht - da möchte ich nicht falsch verstanden werden - dass die Leute sich alles einbilden oder dass die nicht mehr arbeiten gehen möchten. Der Leidensdruck und die Symptome sind ohne Zweifel vorhanden. Aber ich glaube, bei vielen Patientinnen und Patienten muss man vor allem im psychologischen Bereich ansetzen, auch was die Therapie betrifft, bevor man Geräte- und Technik-Medizin auffährt. Oder komische Therapieverfahren, die den Leuten eher schaden als nutzen.

WDR: Überwiegend gibt es also keinen medizinischen Beweis, dass etwa ein Organ befallen ist?

Kleinschnitz: In unserer Studie war das so. 90 bis 95 Prozent der Untersuchungen, die wir durchgeführt haben - da war Kernspin dabei, elektrische Vermessung des Nervensystems, Ultraschall usw. - waren die Befunde unauffällig. Was ja auch eine gute Nachricht ist.

Ich möchte nicht verschweigen, dass es auch andere Arbeitsgruppen gibt, die bestimmte Befunde finden konnten, z. B. Veränderungen in der Gehirnstruktur. Dazu muss man aber sagen: Das sind Spezialuntersuchungen, die sich auf ein ganz bestimmtes Kollektiv fokussieren, wie man es in der klinischen Routine nicht macht. Und deren Bedeutung, wenn sie völlig für sich stehen, unklar ist. Viele Tests sind überhaupt noch nicht validiert worden.

Ich glaube, dass diesen Studien zu viel Bedeutung beigemessen wird. Unsere Erfahrung an einem wirklich großen Covid-Zentrum ist die, dass man vielen Patientinnen und Patienten über den psychologisch-seelischen Weg helfen kann.

WDR: Es dürften inzwischen Hunderttausende Menschen in Deutschland sein, die daran leiden. Man hilft ihnen am besten, wenn man sie psychologisch betreut?

Kleinschnitz: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube mittlerweile persönlich, die Zahlen sind deutlich zu hoch gegriffen, auch mit diesen zehn bis 15 Prozent. Das mag für die Alpha- und Delta-Variante noch gestimmt haben. Bei Omikron würde ich das inzwischen eindeutig bezweifeln. Auch die Tatsache, dass die Impfung eindeutig vor Long Covid schützt, wird die Zahlen deutlich niedriger halten.

Was die Therapie betrifft: Eine grundsätzliche, körperliche Diagnostik gehört einmal dazu. Wenn man dann nach gründlicher Untersuchung aber nichts findet und merkt, die Leute haben vielleicht eher einen inneren Konflikt - Ängste, Sorgen, Stimmungsschwankungen - dann raten wir dazu, sich schnell psychosomatisch-psychologische Hilfe zu holen. Vielleicht auch Psychotherapie, unterstützt mit Medikamenten.

Unsere Erfahrung mit diesem multi-modalen Ansatz ist, dass, die überwiegende Mehrheit unser Patientinnen und Patienten nach sechs Monaten wiederhergestellt sind, funktionieren. Sie können arbeiten und ihr Leben leben. Von daher können wir meiner Meinung nach positiv in die Zukunft gucken.

Die Fragen stellte Andreas Bursche.

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