Brauchen wir eine Corona-Vollbremsung?

Dortmunder Innenstadt.

Brauchen wir eine Corona-Vollbremsung?

Von Lena Sterz

Wir leben im "harten Lockdown", aber private Kontakte werden kaum kontrolliert. Ein Virologe und ein Philosoph sind sich einig: Nur mit Appellen an die Eigenverantwortung kommen wir nicht weiter.

Nach einem dreiviertel Jahr Corona-Pandemie scheinen viele Menschen nicht mehr bereit zu sein, freiwillig auf Verabredungen und private Treffen zu verzichten. Immer wieder appelliert die Politik an die Vernunft und die Eigenverantwortung, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde dazu sogar immer wieder außergewöhnlich emotional.

Angela Merkel spricht während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag, 09.12.2020

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Aber die Infektionszahlen sind trotzdem noch hoch. In NRW liegt der Inzidenzwert aktuell (Stand: 04.01.2021) bei mindestens 123 Fällen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen - mindestens muss man sagen, weil durch die Feiertage viele Fälle wohl noch nicht gemeldet wurden. Morgen (05.01.2021) treffen sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder, wie es mit dem Lockdown weitergehen soll.

Reichen die aktuellen Kontaktbeschränkungen?

Martin Stürmer steht in seinem Labor.

Virologe Martin Stürmer

"Wir müssen der Realität ins Auge sehen: Es ist definitiv so, dass wir unser Ziel nicht erreicht haben", sagte der Virologe Martin Stürmer dazu in der ARD. "Realistisch gesehen müssen wir über eine Verschärfung der Kontaktbeschränkungen und Ausgangsbeschränkungen diskutieren."

Nach den aktuellen Corona-Regeln dürfen sich fünf Menschen aus maximal zwei Haushalten treffen. Alle nicht absolut notwendigen Geschäfte sind geschlossen, öffentliche Veranstaltungen verboten.

Aber die Entwicklung der Infektionszahlen deutet daraufhin, dass diese Regeln entweder nicht ausreichen oder nicht eingehalten werden. "Wir haben immer noch zu viele Kontakte", so Stürmer. "Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich infiziert haben."

Philosoph: "Man braucht Verbote"

Der Philosoph Richard David Precht schlägt im Gespräch mit dem WDR eine ähnliche Richtung ein: "Man braucht Verbote, wenn die Leute nicht hören. Wenn die Zahl derjenigen, die sich hier entpflichten und entsolidarisieren so groß wird, dann kann der Staat sich anders als mit Verboten nicht mehr helfen."

In Thüringen etwa schlägt Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) vor, dass man sich nicht mehr als 15 Kilometer vom Wohnort entfernen darf. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im November schon vorgeschlagen, dass jeder und jede sich nur noch mit einem weiteren festen Haushalt treffen darf - damals hatten die Ministerpräsidenten abgewunken. Angesichts der aktuellen Infektionszahlen könnte dieser Vorschlag jetzt wieder aktuell werden.

Precht gibt zu bedenken, dass es letztendlich doch an der Eigenverantwortung von jedem einzelnen hängt: "Der Staat ist ja nicht in der Lage, die Maßnahmen und Regeln, die er beschließt zu überwachen. Wie viele Polizisten müssten im Einsatz sein, um überall zu gucken, ob sich die Menschen an die Regeln halten? Deswegen ist der Staat auf die Eigenverantwortung der Menschen angewiesen."

Stand: 04.01.2021, 09:58