Schule: Sicherer Ort oder doch Corona-Hotspot?

Ein Schüler sitzt im Unterricht und trägt dabei einen Mundschutz.

Schule: Sicherer Ort oder doch Corona-Hotspot?

Von Nina Magoley und Jörn Seidel

Lange hieß es, Schulen seien keine besonderen Corona-Infektionsherde. Mittlerweile halten Wissenschaftler die Gefahr dort sogar für höher als anderswo.

Mit dem verschärften Lockdown seit 11. Januar geht es für die Schüler in NRW vorerst mit Distanzunterricht weiter. Wie Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Montag sagte, seien die Schulen in NRW keine Hotspots oder "Virenschleudern". Der Distanzunterricht sei vielmehr ein Beitrag zur allgemeinen Kontaktreduzierung in einer "nochmals zugespitzten Infektionslage". Viele Wissenschaftler sehen das ganz anders.

ETH-Studie: Schulschließungen gegen Corona äußerst effektiv

Beispiel Schweiz: Hier haben sich im Kampf gegen die Corona-Pandemie Schulschließungen als eine der effektivsten Maßnahmen erwiesen. Das geht aus einer Studie hervor, die am Samstag von der Elitehochschule ETH Zürich veröffentlicht wurde.

Demnach wurde die Mobilität um 21,6 Prozent reduziert, als die Schweizer Behörden im März 2020 die Schließung der Schulen anordneten. Schulschließungen verminderten die Mobilität und führten damit zu einer Verringerung der Covid-19-Erkrankungen, erläuterte einer der Forscher. Ausgewertet wurden 1,5 Milliarden Bewegungen anhand von Mobilfunkdaten.

Virologe Christian Drosten: Britische Schulschließungen zahlen sich aus

Beispiel Großbritannien: Hier zeige sich, dass nach den Weihnachtsfeiertagen die Zahl der Corona-Fälle bei Schülern gesunken sei, so Virologe Christian Drosten bei Twitter. Bei der Gruppe der 35- bis 49-Jährigen, der auch überaus viele Eltern angehören, sei das nicht so. Drostens Kommentar: "Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von Sars-CoV-2?"

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"Erhebliches Infektionsgeschehen in Schulen"

Schon zuvor sagte Drosten mit Verweis auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse: "Man sieht durchaus, dass es ein erhebliches Infektionsgeschehen in Schulen gibt." Seine Warnung Mitte Dezember: "Das muss man einfach langsam mal anerkennen". Stattdessen höre man zurzeit immer noch viele "ablenkende Stimmen".

Studien aus England zeigten sogar, dass es besonders in den Jahrgängen oberhalb der Grundschule "mehr Infektionsgeschehen als in der normalen Bevölkerung" gebe. Für Deutschland gebe es zwar bisher keine vergleichbaren Studien, aber auch "keinen Grund zu denken, dass das bei uns anders wäre als in England".

Schulen haben laut Drosten "Netzwerkfunktion" - er spricht von einem "Ping-Pong-Effekt": Das Virus werde von einem Kind in die Familie getragen, vom Geschwisterkind dann in eine andere Klasse und so weiter.

Ergebnisse einer Kölner Studie wohl in der zweiten Jahreshälfte

Die Universität Köln und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung haben ebenfalls eine Studie zum Infektionsgeschehen an deutschen Schulen gestartet - deren Ergebnis soll aber erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 vorliegen.

Weitere Studien aus Wien und Oxford

Weitere Studien, die im Vergleich verschiedener Corona-Maßnahmen die Wirksamkeit von Schulschließungen hervorheben, entstanden im vergangenen Jahr von Jan Brauner und seinen Kollegen an der Universität Oxford und von Peter Klimek von der Universität Wien.

Infizierte Kinder fallen aus der Statistik

Ein Problem ist offenbar, dass Kinder bei einer Corona-Erkrankung oftmals weniger oder gar keine Symptome haben. Eine Antikörper-Studie an 11.000 Kindern in Bayern zeigte schon im April, dass sechsmal mehr Kinder mit Sars-CoV-2 infiziert waren als in den offiziellen Zahlen benannt. Oft würden infizierte Kinder von den Eltern gar nicht als erkrankt erkannt und also auch nicht getestet, bestätigte auch WDR-Bildungsfachmann Armin Himmelrath.

In einer Studie in Hamburg wurden nach den Sommerferien sämtliche Covid-Erkrankungen bei Schülern ausgewertet. Von den insgesamt rund 370 Infizierten hatten sich etwa 80 in der Schule angesteckt. "Schulbesuch ist ein epidemiologisches Risiko", betont Himmelrath.

Schulministerin Gebauer: Präsenzunterricht bleibt erste Wahl

Der Präsenzunterricht bleibe erste Wahl, hatte Schulministerin Yvonnen Gebauer schon oft gesagt. Anfang Januar sagte sie noch bei Phoenix, dass es ihr nach dem Lockdown wichtig sei, dass die "Schulen schnellstmöglich wieder in den Präsenzunterricht wechseln". Am Montag sagte sie nun im Schulausschuss des Landtags: Sie schließe auch Distanzunterricht nach dem 31. Januar nicht aus.

Stand: 11.01.2021, 13:34