Impfpriorisierung fällt weg - das ist ab heute wichtig

Die Impf-Priorisierung fällt weg Aktuelle Stunde 07.06.2021 UT Verfügbar bis 14.06.2021 WDR Von Ann-Kathrin Stracke

Impfpriorisierung fällt weg - das ist ab heute wichtig

Ab heute wird die Priorisierung beim Impfen aufgehoben. Doch das heißt nicht, dass es einfacher wird, einen Termin zu bekommen. Der Hausärzteverband Nordrhein rechnet mit großem Frust der Bürger.

Ab heute fällt die Priorisierung bei den Corona-Impfungen weg. Dann wird nicht mehr danach geschaut, ob jemand in eine der drei Risiko-Kategorien fällt. Doch das wirft auch viele Fragen auf.

Bekommt man jetzt schneller eine Erstimpfung beim Hausarzt?

Nein. Laut Oliver Funken, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Nordrhein, wird das Interesse weiterhin erheblich größer sein als die zur Verfügung stehenden Impfstoffmengen: "Es gibt ein Hase-Igel-Rennen um die Termine in den Praxen." Das sei nicht nur für die Bürger frustrierend, sondern so würden auch die Beschäftigten in den Praxen und die Ärzte verschlissen.

Angesichts des enormen Patientenansturms auf Impftermine testen Hausärzte kooperatives Impfen. Termine könnten für mehrere Praxen über eine gemeinsame Vergabe online buchbar sein. Die gebündelte Impfstoffmenge könnte dann in geeigneten Räumen, die beispielsweise Kommunen zur Verfügung stellen, gespritzt werden.

Wie ist die Lage in den Impfzentren?

Dort gibt es derzeit keine Erstimpfungen. Das NRW-Gesundheitsministerium hatte dies konkretisiert: "Bis mindestens Mitte Juni nur Zweitimpfungen in den Impfzentren". Das heißt, dass dort keine neuen Patienten geimpft werden. Stattdessen bekommen nur diejenigen eine Spritze, die schon eine erste Impfung erhalten haben.

Haben Impfwillige in NRW vorerst gar keine Chance auf eine Erstimpfung?

Doch. Wer einen Termin für eine Erstimpfung bekommen will, muss über eine Arztpraxis gehen. Das können nun auch privatärztliche Praxen und verstärkt Kinder- und Jugendärzte sein. Vor Ort wird entschieden, wer eine Impfung bekommt. Oder man erhält eine Impfung bei seinem Betriebsarzt - denn auch diese impfen ab heute.

Warum gibt es derzeit keine Erstimpfungen in den Impfzentren?

Laut NRW-Gesundheitsministerium gibt es einfach nicht genug Impfstoff. So bekomme NRW im Juni pro Woche etwa 530.000 Impfdosen vom Bund geliefert. Die seien aber alle für Zweitimpfungen nötig. In den kommenden drei Wochen seien das wöchentlich mehr als 500.000 Dosen.

Karl-Josef Laumann, 23.11.2020

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann

NRW-Gesundheitsminister Laumann (CDU) sagte am Freitag im "Morgenecho" bei WDR 5, man habe anfangs jede zweite Dosis Impfstoff für Zweitimpfungen beiseite gelegt, da man sich bezüglich der Lieferpünktlichkeit unsicher war. Als man gemerkt habe, dass beispielsweise Biontech-Lieferungen pünktlich kamen, habe man die Rücklagen aufgelöst, um weitere Erstimpfungen zu verabreichen. Er sei aber "fest davon überzeugt", dass man bis August/Anfang September jedem Menschen, der sich impfen lassen will, ein Impfangebot machen könne.

Im Endeffekt wird jetzt der Preis dafür gezahlt, dass die Impfgeschwindigkeit im Frühjahr stark erhöht wurde. Fast alles wurde verimpft, statt Reserven für die Zweitimpfungen zu bunkern. Und genau die stehen jetzt an. Der ganze Impfstoff wird dafür gebraucht.

Ist schon absehbar, wann es wieder Termine in den Impfzentren gibt?

Nein. Vom Ministerium heißt es: "Sobald wieder neue Terminfenster freigegeben werden können, wird das Ministerium dies frühzeitig kommunizieren." Deshalb auch die Ansage, dass es bis "mindestens" Mitte Juni keine neuen Termine geben wird.

Das heißt, es kann sich theoretisch auch bis Ende des Monats hinziehen. Selbst diejenigen, die noch in einer der Priorisierungsgruppen und nicht geimpft sind, müssen warten.

Wie viele Menschen in NRW sind betroffen?

Menschen warten mit Mund-Nasen-Bedeckung in einem Impfzentrum

Knapp die Hälfte der Menschen in NRW hat eine Erstimpfung

Das lässt sich nicht genau beziffern. Bislang haben in NRW 46,9 Prozent der Menschen eine Erstimpfung bekommen. Das heißt aber nicht, dass die übrigen rund 53 Prozent händeringend einen Termin bekommen wollen. Denn: Darin enthalten sind auch Kinder, für die es bislang keine Impfung gibt.

Außerdem will oder kann sich nicht jeder Erwachsene in NRW impfen lassen. Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sind etwa 70 Prozent der "impfbereiten" Erwachsenen in Deutschland mindestens einmal geimpft. Spahn nimmt an, dass 75 Prozent der Deutschen zu einer Impfung bereit sind.

Werden Menschen aus bislang priorisierten Gruppen nicht mehr bevorzugt geimpft?

Anspruch darauf haben sie nicht. Aber es ist gut möglich, dass viele Menschen aus den bislang priorisierten Gruppen auch weiterhin bevorzugt geimpft werden. Das NRW-Gesundheitsministerium, das über die Impfzentren bestimmt, schloss das zumindest nicht aus: "Ob wir im Laufe des Junis gezielt bestimmten Personengruppen ein Sonderimpfangebot über die Impfzentren machen können, steht derzeit noch nicht fest."

Zu den niedergelassenen Ärzten sagte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe dem WDR: "Da verlassen wir uns auf den ärztlichen Sachverstand."

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein teilte auf Anfrage mit: Man habe immer gesagt, dass die Praxen die Dringlichkeit einer Impfung "individuell am besten einschätzen können", insbesondere, weil ihnen der Gesundheitszustand der Patienten bekannt sei. "Wir gehen davon aus, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im Rheinland von diesem Weg auch in den kommenden Wochen nicht abweichen werden - trotz formalen 'Entfalls' der Priorisierung." Bedeutet: Vorerkrankte werden wahrscheinlich bevorzugt.

Wie ließe sich das Impf-Tempo beschleunigen?

Mehr Impfstoff wird vom Entwickler Biontech erhofft. Sein Produktionspartner, der US-Pharmakonzern Pfizer, hat am Dienstag grünes Licht von der europäischen Arzneimittelbehörde bekommen, die Herstellung in seinem Werk im belgischen Puurs hochzufahren. Doch das bedeutet nicht automatisch, dass es bald mehr Impfdosen hierzulande gibt.

Helfen könnte auch, wenn der Impfstoff des deutschen Unternehmens CureVac endlich zur Verfügung stünde. Doch bislang liegen noch nicht einmal die Daten zur Wirksamkeit des Mittels vor. Ob es mit dem angepeilten Zulassungsantrag bis Ende Juli klappt, ist offen.

Auch die vorhandene Menge an Impfstoffen könnte effektiver genutzt werden. Ärzte weisen immer wieder darauf hin, dass mit Hilfe von Spezialspritzen sieben Impfdosen aus einem Fläschchen geholt werden können - statt der üblichen sechs. Die Politik habe sich zu wenig darum bemüht, die Spitzen zu besorgen, lautet der Vorwurf.

Stand: 07.06.2021, 06:28