Eltern von Kindern mit Behinderung: "Fühlen uns noch unsichtbarer als sonst"

Eltern von Kindern mit Behinderung: "Fühlen uns noch unsichtbarer als sonst"

Von Lena Sterz

  • Studie: Eltern von Kindern mit Behinderung fühlen sich überfordert
  • Mutter mit schwerstbehinderten Kindern schildert ihre Situation
  • Hoffnungsschimmer: Bald kommen die Schulbegleiter nach Hause

"Die ganze Situation ist eine riesige Herausforderung – wobei: eigentlich ist es eine riesige Katastrophe“, sagt Sandra R. Sie ist die Mutter von Florian und Christian. Die beiden sind 16 Jahre alt, Zwillinge, ehemalige Frühchen und mehrfach schwerstbehindert.

Florian geht eigentlich gerne raus, will im Rollstuhl spazieren gefahren werden - aber das schafft seine Mutter derzeit nicht ein Mal am Tag. Zu fordernd ist die Rundum-Betreuung der beiden, die Sandra R. seit mehr als zwei Monaten ohne Unterstützung von außen leistet.

Studie zeigt Überforderung und Ängste

Förderschule klagt gegen Land NRW

Besondere Förderung ist nötig

Sandra R. ist damit nicht alleine, zeigt eine Studie des Inclusion Technology Lab und des Frauenhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik, die am Dienstag (02.06.2020) veröffentlicht wurde. Mehr als 46 Prozent fühlen sich mit der Betreuung ihrer Kinder überfordert. 34 Prozent aller Befragten sorgen sich um ihre wirtschaftliche Situation.

Raimund Schmolze-Krahn, der die Studie mit konzipiert hat, kann sich vorstellen, woran das liegt: "Uns haben Mütter geschrieben, die ihre Jobs kündigen mussten, weil sie sich jetzt Vollzeit um ihre behinderten Kinder kümmern müssen. Die werden komplett alleine gelassen."

Förderung und Entlastung findet nicht statt

Die Förderschulen sind seit 25. Mai wieder geöffnet, aber das bedeutet auch für die meisten Schulkinder mit Beeinträchtigungen, dass sie nur ungefähr einen Tag pro Woche zur Schule gehen können. Viele der Therapien und Förderangebote finden aktuell nicht statt.

Florian muss eigentlich täglich stehen üben - seine Mutter kann den 16-Jährigen rein körperlich dabei kaum unterstützen. Sie muss fast rund um die Uhr für die beiden zur Verfügung stehen, jeden Fingerzeig deuten, weil keiner der beiden sprechen kann.

Selbst Einkaufen wird zum Problem, weil sie die beiden weder alleine lassen noch mitnehmen kann. Sandra R.'s Lichtblick: Wenn ihr Mann abends nach Hause kommt, kann sie kurz raus an die frische Luft und fotografieren.

Angst vor den Sommerferien

Ein Kind im Rollstuhl sitzt im Klassenraum einer ersten Klasse

Ein Kind im Rollstuhl sitzt im Klassenraum einer ersten Klasse

Florian und Christian werden in der Schule die ganze Zeit von Schulbegleitern unterstützt. Sandra R. hofft, dass die in den nächsten Wochen zu ihnen nach Hause kommen dürfen, um wenigstens ein bisschen mit den beiden zu turnen. "Man merkt den Jungs auch an, dass sie ihre Bezugspersonen vermissen."

Wenigstens ein paar Wochen Förderung und Entlastung, bevor schon wieder Sommerferien sind: "Die Sommerferien treiben mir aktuell schon die Schweißperlen auf die Stirn. Dann fällt wieder jegliche Unterstützung weg."

Stand: 03.06.2020, 09:54