Eine Frau mit Mundnasenschutz.

Wenn die Fallzahlen wieder steigen: Corona im Herbst und Winter

Stand: 16.08.2022, 17:20 Uhr

Wie wird die Corona-Lage im Herbst und Winter sein? Welche Szenarien sind bei welchen Virus-Varianten zu erwarten? Prognosen und Modelle - ein Überblick.

Von Jörn Seidel

Ein Ende der Corona-Pandemie ist noch nicht in Sicht. Bis Herbst und Winter werden die Fallzahlen voraussichtlich wieder deutlich steigen. Aber wie stark? Und wie schlimm wird die dann vorherrschende Virus-Variante sein? Wird es erneut zu vielen Schwerkranken und Toten kommen? Oder können die Impfungen das verhindern? Was Expertinnen und Experten erwarten:

Virologe Trilling: Corona-Zahlen werden wieder steigen

"Ich glaube, man muss kein Prophet sein, um zu sagen - was ich befürchte -, dass die Zahlen wieder steigen werden", sagte Virologe Mirko Trilling von der Uniklinik Essen mit Blick auf die Corona-Fallzahlen dem WDR.

Virologe Mirko Trilling

Virologe Mirko Trilling

Ein Grund dafür: Es seien immer noch zu wenige Menschen geimpft, so Trilling. Ein weiterer Grund: "Wir zwingen das Virus, sich an unser Immunsystem anzupassen. Aber gerade dadurch kriegt es die Fähigkeit, sich sehr schnell auszubreiten. Ich befürchte, dass wir das im Winter auch weiter sehen werden."

Minister Lauterbach: "Schwieriger" Corona-Herbst

"Wir werden einen schwierigen Herbst haben", prophezeite Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit Blick auf die Corona-Lage schon vor Wochen dem WDR. Die Bürgerinnen und Bürger bräuchten dann "eine wirklich gute Armada von Schutzmöglichkeiten".

Forscher-Team der TU Berlin: Das bringen die geplanten Regeln

Solche Schutzmöglichkeiten soll unter anderem das geplante, neue Infektionsschutzgesetz bieten, das Anfang Oktober in Kraft treten soll. Welchen Effekt werden diese Corona-Regeln haben? Das untersuchte das Forscherteam um Mobilitätswissenschaftler Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin für seinen neuesten Modus-Covid-Bericht vom 9. August.

Zu den analysierten Maßnahmen gehören das Masken-Tragen bei der Arbeit, im Bildungs- und Freizeitbereich sowie bei Erledigungen, außerdem das Testen und Lüften im Bildungsbereich sowie Homeoffice und eine Impfkampagne.

Das Fazit: "Im besten Fall reicht die Kombination der genannten Maßnahmen 'gerade so' aus, um die Welle in dem simulierten Szenario zu brechen, also ihren R-Wert unter 1 zu senken", heißt es in dem Bericht.

Zu dem positiven Ergebnis komme man aber nur, "wenn sehr optimistische bzw. teilweise unrealistisch optimistische Annahmen über die Durchführung mancher Maßnahmen getroffen werden", wie die Forscherinnen und Forscher schreiben. Voraussetzung sei auch, dass sich im Herbst und Winter nicht eine Corona-Variante mit einer deutlich größeren Krankheitsschwere als Omikron durchsetze. Dann seien nämlich noch weitergehende Schutzmaßnahmen nötig, um die Welle zu brechen.

"Es ist zum jetzigen Zeitpunkt offensichtlich noch nicht klar, wie sich die Pandemie in den nächsten Monaten entwickeln wird, da dies maßgeblich von der Evolution des Virus abhängt." Aus dem Modus-Covid-Bericht

Wie stark Corona im Herbst und Winter zurückkommt, hängt also entscheidend davon ab, welche Virus-Variante dann dominiert. Das Forscherteam rechnet mit drei möglichen Szenarien:

  1. "Eher günstiges" Szenario: Es bleibt bei den aktuellen Virus-Varianten.
  2. "Mittleres" Szenario: Es gibt eine Immunflucht-Variante mit der gleichen Krankheitsschwere wie Omikron BA.5.
  3. "Eher ungünstiges" Szenario: Es gibt eine Immunflucht-Variante mit erhöhter Krankheitsschwere.

Im Falle von Szenario 3 ergebe sich "eine deutlich höhere, und damit möglicherweise katastrophale Krankenhausbelastung", schrieben die Forscherinnen und Forscher in ihrem Bericht vom 28. Juni.

Ähnlich skizzierte der Corona-Expertenrat der Bundesregierung im Juni seine drei Szenarien für Herbst und Winter. Mehr dazu unter diesem Link:

Bioinformatiker Kaderali: Belastungen für Infrastruktur

Lars Kaderali

Lars Kaderali, Bioinformatiker

Expertenrat-Mitglied und Bioinformatiker Lars Kaderali warnte schon im Juni mit Blick auf die kalte Jahreszeit, dass sich durch einen hohen Krankenstand auch Belastungen für die sogenannte kritische Infrastruktur ergeben könnten. Dazu zählen etwa Polizei, Feuerwehr, Kliniken und Wasserwerke sowie Energieversorger.

Weniger wahrscheinlich sei, dass die Intensivstationen erneut an ihre Belastungsgrenzen stoßen werden, so Kaderali weiter. "Auch das ist nicht auszuschließen, aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer."

Epidemiologe Ulrichs: "Mit allen Konsequenzen"

Prof. Dr. Timo Ulrichs

Professor Timo Ulrichs, Epidemiologe

Epidemiologe Timo Ulrichs schließt einen heftigen Corona-Herbst ebenfalls nicht aus. "Das heißt, dass wir noch stark steigende Neuinfizierten-Zahlen haben werden - mit allen Konsequenzen, also auch mit gestiegenen Hospitalisierungsraten und auch Todesfällen", sagte er im Juni dem WDR.

Virologe Drosten: im September "sehr hohe Fallzahlen"

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Universitätsklinik Charité, erwartet schon im September wieder "sehr hohe Fallzahlen" und damit einhergehend wieder mehr Schwerkranke und Tote, wie er im Juni dem "Spiegel" sagte. Seine Prognose: "Ich glaube nicht mehr, dass wir Ende des Jahres den Eindruck haben werden, die Pandemie sei vorbei."

Über dieses Thema berichteten am 28.06.2022 auch die "Aktuelle Stunde" im WDR Fernsehen und am 04.08.2022 das "Morgenecho" bei WDR5.