"Flüssiges Gold": Kriminelle zielen auf Corona-Impfungen

Eine Person mit Gummihandschuhen hält eine Corona-Impfdosis  zwischen den Fingern

"Flüssiges Gold": Kriminelle zielen auf Corona-Impfungen

Von Louisa Schmidt

Verbrecher versuchen, aus den Corona-Impfungen Profit zu schlagen. Auch die NRW-Behörden bereiten sich darauf vor. Ein Schwachpunkt könnte die IT-Sicherheit sein.

Flüssiges Gold – so nennt Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock die Corona-Impfstoffe. Denn sie sind extrem wertvoll. Das lockt Verbrecher an – von Trickbetrügern über kriminelle Banden bis hin zu Angriffen womöglich durch Staaten. Die EU-Polizeiorganisation Europol hat die Mitgliedsstaaten deswegen schon offiziell gewarnt: Der Verkauf gefälschter Impfstoffe oder Angriffsversuche auf Transporter seien nur eine Frage der Zeit.

Fake-Impfstoffe über Netz?

Die Krise lockt zum einen Betrüger auf den Plan. Beobachten kann man das in Staaten, in denen schon länger geimpft wird. Dort gibt es bereits zahlreiche Meldungen über Kriminelle, die versuchen, potenziellen Opfern per Telefon oder Mail frühe Impfungen zu verkaufen. Auch in NRW verzeichnet das Landeskriminalamt (LKA) erste Fälle - und verweist darauf, dass die Impfung in Deutschland kostenlos ist und nur an offiziellen Stellen erfolgt.

"Täter sehr, sehr kreativ"

Darüber hinaus lägen dem LKA keine aktuellen Erkenntnisse zur Impfstoff-Kriminalität vor. "Unsere Erfahrungen lassen aber natürlich erwarten, dass Täter auf die verschiedensten Ideen kommen. Sie sind sehr, sehr kreativ", sagt Sprecher Andre Faßbender. Man stelle sich auf diverse mögliche Szenarien ein.

Darknet-Recherche

Europol befürchtet, dass Kriminelle auch versuchen, im Netz Fake-Impfstoffe für viel Geld zu vertreiben - über das so genannte Darknet. So wie es bereits mit gefälschten Medikamenten passiert, die angeblich gegen Covid-19 helfen sollen. Der WDR hat das überprüft - und konnte in einer Stichprobe in 20 Darknet-Shops zwar unter anderem zweifelhafte Corona-Antikörpertests finden, aber keine Impfstoff-Angebote.

Impfstoff-Hacker: "Wir haben ein Problem mit IT-Sicherheit"

WDR 5 Morgenecho - Interview 30.12.2020 05:38 Min. Verfügbar bis 29.12.2021 WDR 5


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Gefahr durch Hacker-Angriffe

Im Fokus steht außerdem die Auslieferung des Impfstoffs und dass die Informationen darüber Ziel von Hackern sein könnten: "Wo ich wirklich eine Gefahr sehe, ist die Logistik für die Verteilung", sagt Journalist und Experte für IT-Themen Peter Welchering. Er übt scharfe Kritik: "Da ist beispielsweise Unicef, die so etwas für Entwicklungsländer aufgestellt haben, sehr viel besser in sicherheitstechnischen Fragen aufgestellt als unsere deutschen Sicherheitsbehörden."

Schutz der Impfstoff-Transporte

Die Behörden hier reagieren auf die Befürchtungen – die Impfstoffe werden besonders gesichert: Die Polizei eskortiert Transporte, wenn sie diese als gefährdet einstuft. Die Bundeswehr ist für den Schutz des Impfstoffs nach WDR-Informationen in NRW bisher nicht im Einsatz.

Einfallstor Internet

Ein Einfallstor sind Sicherheitslücken in der IT: Verschaffen sich Hacker Zugriff auf Netzwerke von beteiligten Behörden oder Logistikfirmen, könnten sie IT-Systeme lahmlegen, Lösegeld erpressen oder sensible Informationen abfangen. Eine Attacke auf die europäische Arzneimittelbehörde EMA gab es bereits. Hinter so etwas können diverse Motive stehen: zum Beispiel Industriespionage, das Abgreifen der Routen von Lkws oder die Absicht, Chaos zu stiften und Staaten zu destabilisieren.

"Nicht überall ausreichend Risikobewusstsein"

Das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste verweist darauf, die Polizei in NRW tue alles dafür, die eigene Technik auf aktuellstem Stand zu halten. Außerdem seien Daten zu Impfstoffen unter Geheimhaltung und besonders geschützt. Doch reicht das? IT-Experte Welchering sagt: "Wir könnten besser geschützt sein." Er verweist darauf, dass es in Deutschland auch keine Meldepflicht für solche Sicherheitslücken gebe. Und auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnolgie mit Sitz in Bonn erklärt auf WDR-Anfrage: "Das Bewusstsein für die Risiken der Digitalisierung ist noch nicht überall so, wie es sein sollte."

Stand: 30.12.2020, 06:00