Häusliche Gewalt: Fußballer Boateng schuldig gesprochen

Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften - viel zu oft kommt sie vor, viel zu oft ist sie ein Tabuthema. Ex-Fußball-Nationalspieler ist deswegen jetzt verurteilt worden.

Während Mord und Totschlag 2020 laut NRW-Kriminalitätsstatistik um 9,7 Prozent zurückgingen, nahm die Gewalt im unmittelbaren Lebensumfeld um 7,7 Prozent zu. Die wenigsten dieser Gewalttaten enden mit einem so Aufsehen erregenden Prozess wie der des deutschen Fußballprofis Jerome Boateng, der gerade vom Amtsgericht München zur Zahlung einer Strafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt worden ist.

Gewalt geht meistens von Männern aus

Seine Ex-Lebensgefährtin wirft Boateng vor, sie im Karibikurlaub geschlagen, gebissen und geboxt zu haben. Er bestreitet das. Das Gericht ging in seinem Urteil von "einem Faustschlag" ins Gesicht aus. Staatsanwältin Stefanie Eckert bezeichnete die Frau als "Opfer häuslicher Gewalt".

Das ist eine Gewalt, die in den meisten Fällen von Männern ausgeht und deren Opfer vor allem Frauen und Kinder werden. "Das Spektrum der Gewalt ist sehr groß. Es beginnt bei emotionaler Gewalt und endet bei körperlicher Gewalt", sagt der Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke aus Lünen am Freitag in der "Aktuellen Stunde". Die reiche von Vergewaltigungen bis hin zu Tötungsdelikten.

Gefühl der "emotionalen Verwahrlosung"

"Das Hauptproblem bei häuslicher Gewalt sind Ohnmachtsgefühle - in aller Regel bei den Männern", so Lüdke. Die Gewaltausübung verwandele "das Gefühl von Ohnmacht in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht". Die Täter fühlten sich oft wie die "typischen Versager" - sexuell, beruflich oder privat. Am Ende stünde die Gewalt. Es handele sich um einen inneren Konflikt, der nach außen verlagert wird. Durch die Kontrolle über die Frau bekämen die Täter das Gefühl, ihr eigenes Leben im Griff zu haben.

Wer Täter wird, das habe mehr mit dem Gefühl zu tun, "emotional verwahrlost zu sein", sagt Lüdke. Ob jemand dazu neige, häusliche Gewalt auszuüben, könne eine einzige Frage beantworten: "Fühlst du dich geliebt?"

Opfer benötigen Hilfe von außen

"Wenn wir das Gefühl haben, bedingungslos geliebt zu werden, dann ist eigentlich die Welt in Ordnung. Dann drehen wir auch nicht so am Rad oder werden gewalttätig", sagt Lüdke.

Lüdke betont, dass es für die Opfer wiederum sehr schwer sei, aus solchen Beziehungen herauszukommen. Viele bräuchten bis zu sieben Anläufe. Die Angst, was im Falle der Trennung passiere, sei oft größer als einen "schlagenden Ehemann zu ertragen".

Liebe ist die beste Prophylaxe

Außenstehenden rät Lüdke, die Opfer "unbedingt" unter vier Augen anzusprechen. Die Erfahrung zeige, dass dies selten beim ersten Mal fruchte. Rat gibt es auch beim Hilfe-Telefon "Gewalt gegen Frauen" unter der Nummer 0 8000 116 016.

Das beste Mittel gegen häusliche Gewalt komme indes viel früher zum Zug - in der Ursprungsfamilie des Täters: "Im besten Fall schafft man es, Kinder wirklich bedingungslos zu lieben", sagt Lüdke. So lasse sich verhindern, dass Menschen später zu Tätern werden.