Emily St. John Mandel - Das Glashotel

Von Oliver Pfohlmann

Ein unheimliches Graffito, ein Finanzbetrüger und eine Frau, die ihren Körper gegen ein Luxusleben tauscht: Das sind die Ingredienzien eines raffinierten Romans über fatale Entscheidungen und die Macht der Selbsttäuschung.

Emily St. John Mandel: Das Glashotel
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Ullstein Verlag, Berlin 2021.
400 Seiten, 23 Euro.

Emily St. John Mandel: Das Glashotel WDR 3 Buchkritik 29.09.2021 05:23 Min. Verfügbar bis 29.09.2022 WDR 3

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Literarische Paralleluniversen

Nach der Lektüre von "Das Glashotel" steht eines fest: Emily St. John Mandel schreibt nicht einfach nur ausgeklügelte Romane. Die kanadische Autorin entwirft vielmehr literarische Paralleluniversen.

Da ist zum Beispiel eine Nebenfigur namens Miranda. In "Das Licht der letzten Tage", Mandels dystopischem Bestseller von 2014, war Miranda eine Comiczeichnerin, die wie der Rest der Menschheit an einer bösartigen neuen Schweinegrippe starb.

Im neuen Roman begegnet sie uns dagegen quicklebendig als Managerin in der Schifffahrtsindustrie. Sogar von der "Schweinepest" selbst ist in "Das Glashotel" die Rede, nur wurde das Virus in dieser Romanwelt rechtzeitig eingedämmt. Deshalb können sich die Figuren im neuen Roman mit wohligem Gruseln eine alternative Welt vorstellen, in der es, man ahnt es schon, zu einer globalen Pandemie gekommen wäre.

Einmalige Gelegenheiten und ihre Folgen

Solche unheimlichen Querverbindungen sind mehr als nur Insidergags für Mandel-Fans. Vielmehr führen sie ins Herz ihres neuen Romans, der munter durch Raum und Zeit und von Figur zu Figur springt. Und in dem sich die Zukunft fortwährend in Form von Vorausdeutungen einmischt.

In "Das Glashotel" ergreifen die Charaktere immer wieder scheinbar einmalige Gelegenheiten. Und erfinden später, konfrontiert mit den Konsequenzen, Parallelwelten, in denen sie im entscheidenden Moment anders gehandelt haben. Wie Oskar, als er sich dafür verantworten muss, einem Finanzbetrüger geholfen zu haben:

"In einer gespenstischen Version seines Lebens, einer Version, an die er in letzter Zeit immer öfter gedacht hatte, schloss Oskar die Tür zu seinem Büro ab und rief das FBI an. / Im wahren Leben aber hatte er niemanden angerufen und wie betäubt das Büro verlassen (…). Er wusste auch, er würde den Scheck einzahlen, denn er war schon mitschuldig, war bereits eingeweiht, und das seit einer ganzen Weile."

Gespenster in Dubai

Oskars skrupelloser Chef heißt Jonathan Alkaitis, er ist der Herrscher im, Zitat, "Königreich des Geldes". Die 42-jährige Autorin hat ihn nach dem Vorbild des Hochstaplers Bernie Madoff gezeichnet, dessen milliardenschweres Schneeballsystem 2008 zusammenbrach.

Man ruiniert nicht die Spannung, wenn man verrät, dass der fiktive Alkaitis sein Leben wie der reale Bernie Madoff hinter Gittern beenden wird; auch darüber informiert eine Vorausdeutung schon früh. Im Gefängnis flüchtet sich Alkaitis in seiner Fantasie in ein luxuriöses "Gegenleben" in Dubai. Aber nur so lange, bis er auch dort von den Folgen seiner Taten eingeholt wird: Alkaitis erscheinen die Gespenster von Investoren, die der Ruin in den Selbstmord getrieben hat, als Manifestationen seiner Schuld.

"Was bedeutete es schon, ein Gespenst zu sein, was, dort zu sein oder hier? Es gab so viele Möglichkeiten, einen Menschen oder ein Leben heimzusuchen."

Eine schicksalhafte Nacht

Als Heimsuchung war auch ein unheimliches Graffito gedacht, das 2005, also drei Jahre vor Alkaitisʼ Verhaftung, das Lobbyfenster eines Luxushotels verunziert. "Schlucken Sie doch Glassplitter" ist dort eines Nachts zu lesen. Schnell steht fest, wer es geschrieben hat, Paul, der Nachtdiener, der umgehend entlassen wird. Aber warum und für wen? Die Antwort darauf findet sich erst Hunderte von Seiten später, als dieselbe Nacht aus einer anderen Perspektive erzählt wird.

Paul, eigentlich ein drogenabhängiger Komponist, ist eine der beiden nomadenhaften Hauptfiguren des Romans. Für ihn wird diese Nacht ebenso zum Schicksal wie für seine Halbschwester Vincent, die an der Bar des Hotels arbeitet. Denn keine Stunde später macht Jonathan Alkaitis der attraktiven, heimatlosen Mittzwanzigerin das Angebot, seine "Vorzeigefrau" zu werden. Die Scheinehe beschert dem Betrüger den "Anschein von Beständigkeit" und der abgebrühten Vincent ein Leben in märchenhaftem Luxus.

"Zwischen ihnen würde immer ein Transaktionsabkommen bestehen. Wenn er rief, ging sie zu ihm. Und sie würde dafür stets reichlich entschädigt werden."

Die grenzenlose Fähigkeit der Selbsttäuschung

Auch von Vincent, der faszinierendsten Figur des Romans, kennt man früh das Ende. Gleich der Romananfang berichtet von ihrem Tod im Meer, nachdem sie ihre letzten Lebensjahre auf einem Containerschiff verbracht hat. Als Opfer von Alkaitis kann man sie nicht bezeichnen, schließlich begreift sie rasch, dass ihr Schein-Ehemann nur ein Betrüger sein kann.

Eben das sind auch die Fragen, denen Mandels Roman, ohne zu moralisieren, nachgeht: Wie konnten Alkaitisʼ Mitarbeiter tagtäglich ins Büro gehen im Wissen, zahllose Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen? Und warum ließen sich so viele Menschen von Alkaitis blenden und vertrauten ihm ihre Rücklagen an?

Eine – leider zeitlos wahre – Antwort darauf gibt im Roman eine Nebenfigur vor Gericht, zur Belustigung der Staatsanwaltschaft: Weil es eben möglich sei, Zitat, „etwas zu wissen und zugleich nicht zu wissen“. Mit seiner kaleidoskopartigen Erzählweise ist Emily St. John Mandels "Das Glashotel" ein brillanter Roman über Lebensentscheidungen und ihre Folgen. Und über unsere offenbar grenzenlose Fähigkeit zur Selbsttäuschung.