Schluss mit der Inzidenz - Hospitalisierung neuer Richtwert

Schluss mit der Inzidenz - Hospitalisierung neuer Richtwert

Von Jörn Seidel

Die Bundesregierung rückt weiter von der Inzidenz als Pandemie-Maßstab ab. Entscheidend wird stattdessen die Hospitalisierungsrate sein. Das stößt auch auf Kritik.

Eine Mitarbeiterin der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.

Seit der ersten Corona-Welle ist die Sieben-Tage-Inzidenz der Orientierungswert in der Pandemie schlechthin. Welche Corona-Regeln galten wo? Das richtete sich vor allem nach der Inzidenz. Nun wird die Hospitalisierungsquote den Inzidenzwert ablösen. Das beschloss der Bundestag am Dienstag im Rahmen einer Neufassung des Infektionsschutzgesetzes.

Bereits zuvor hatte die Bundesregierung angekündigt, dass die 50er-Inzidenz aus dem Infektionsschutzgesetz gestrichen wird. Wie kommt es zu diesem Wandel? Und wie sinnvoll ist er? Fragen und Antworten.

Was ist die Sieben-Tage-Inzidenz? Und wozu taugt sie?

Die Sieben-Tage-Inzidenz, auch Wocheninzidenz oder einfach nur Inzidenz genannt, ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche. Die Inzidenz galt lange als nützliches Instrument, um die Corona-Lage abzubilden.

Denn das erklärte Ziel der Pandemiebekämpfung war stets, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Stieg die Inzidenz, stieg wenig später auch die Zahl der Krankenhaus-Patienten und der Toten. Seit einigen Monaten ist das nicht mehr so.

Seit wann sinkt die Aussagekraft der Inzidenz?

Vor allem in der Statistik der Corona-Fälle und -Toten zeigt sich, dass die Sieben-Tage-Inzidenz seit der dritten Welle im Frühjahr dieses Jahres weniger Aussagekraft hat als in der zweiten Welle. Schnellt die Inzidenz in die Höhe, sterben nicht automatisch kurz darauf viel mehr Menschen im Zusammenhang mit Covid-19.

Warum könnte die Hospitalisierungsrate nützlicher sein?

Dass der Inzidenzwert nicht mehr so tauglich ist wie früher, liegt am Impffortschritt. Zwar können sich Geimpfte immer noch infizieren. Sie erkranken aber nur noch selten schwer - und leiden somit auch seltener an Long Covid.

Zwar wird in die Bewertung der Corona-Lage auch oft die Todeszahl, der R-Wert, die Altersstruktur, die Intensivbetten-Belegung und die Zahl der Beatmeten einbezogen. Die Zahl der schweren Krankheitsverläufe drückt sich aber am ehesten - so die Meinung vieler Experten - in der Hospitalisierungsrate aus, also der Kranken, die mehr als ein Halskratzen oder Schnupfensymptome haben, sondern in der Klinik behandelt werden müssen. Seit Juli steigt diese Zahl wieder langsam, aber sichtbar an.

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Wo spielt die Inzidenz noch eine Rolle?

In Bayern spielt die Hospitalisierungsrate schon jetzt eine wichtige Rolle für die Corona-Regeln. In NRW tut sie das noch nicht - zumindest nicht in der Corona-Schutzverordnung. Das soll sich aber bald ändern.

Noch gilt in NRW ab Inzidenz 35 vielerorts 3G. Bedeutet: Für Konzerte, Sportveranstaltungen und in vielen anderen Situationen muss man einen Nachweis als Geimpfter, Genesener oder Getesteter erbringen. Mehr nicht.

Wie reagieren Mediziner?

Die Vereinigung der Intensivmediziner, Divi, und der Hausärzteverband befürworteten die Abkehr von der Inzidenz. Bei SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach stieß das Vorhaben indes auf Kritik. "Wir verlieren die Kontrolle über die Fallzahlen", warnte er gegenüber der "Aktuellen Stunde" des WDR.

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Stand: 08.09.2021, 08:50