Corona-Maßnahmen: "Alleine durch Regeln regelt man nichts"

Corona-Maßnahmen: "Alleine durch Regeln regelt man nichts"

Seit Monaten gibt es harte Einschränkungen, um die Corona-Krise in den Griff zu bekommen. Was macht das mit der Gesellschaft? Prof. Michael Corsten von der Universität Hildesheim forscht zu der Frage und hat darüber mit dem WDR gesprochen.

WDR: Ist es nur ein Gefühl oder schwindet tatsächlich die Bereitschaft vieler Bürger, Corona-Einschränkungen wie drohende verschärfte Kontakverbote zu akzeptieren?

Prof. Michael Corsten: Belastbare Daten zu dieser These gibt es nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass die Gesellschaft mit zunehmender Dauer der Pandemie in einen Sog von Selbstbeobachtungsproblemen gerät. Die werden verstärkt von der zunehmenden Unübersichtlichkeit der Situation. Wir müssen begreifen, dass wir uns in einer zeitlich nicht absehbaren Krise befinden.

WDR: Demnächst sollen sich sogar Kinder nur noch mit einem festen Freund treffen, Freundschaften quasi vorsortieren. Sind viele Menschen mit solch rigiden Regeln überfordert?

Corsten: Was heißt denn 'treffen' konkret, wenn jemand behauptet, der Freund kam nur zufällig dazu? Es gibt immer Regeln und Ausnahmen und einen Ermessensspielraum. Diesen Ermessensspielraum nutzen Leute je nach ihrer Perspektive oder Einstellung zu den Regeln. Da kommen auch soziale Unterschiede zum Tragen, welche Rolle man in der Gesellschaft einnimmt. Je rigider Regeln werden, desto größer wird die Gefahr, dass Menschen ganz aus den Regeln aussteigen.

WDR: Wie bildet eine Gesellschaft mittel- bis langfristig ein Risikogefühl für bestimmte Verhaltensweisen aus?

Corsten: In unserer Gesellschaft sind die Medien ein zentraler Faktor. Durch die Berichterstattung über die extremen Folgen der Corona-Pandemie, dass Menschen an der Krankheit sterben können, dass das Gesundheitssystem zusammenbrechen kann, wird das jedem vor Augen geführt. Daraus resultiert ein Risikobewusstsein.

WDR: Wer muss die Impulse setzen für nachhaltige Strategien, ein gesellschaftliches Leben mit dem Virus inklusive seiner tödlichen Gefahren zu organisieren? Die Politik?

Corsten: Es wäre wünschenswert, wenn die Impulse aus der Gesellschaft kämen, von den einzelnen sozialen Einheiten wie Familie, Unternehmen, Schulen und so weiter. Es muss ein Dialog gefunden werden, der die verschiedenen gesellschaftlichen Trägergruppen mit ins Boot holt, um die Maßnahmen konkret umzusetzen - wie zum Beispiel bei den Hygienekonzepten. Es kann nicht sein, dass nur Vorschriften gemacht werden. Alleine durch Regeln regelt man nichts.

WDR: Halten Sie Verbote dennoch für unverzichtbar?

Corsten: In bestimmten Bereichen sicherlich. Sie sind ja auch sinnvoll. Verbote klären eine Situation und tragen zu einer Transparenz der Regeln bei. Das ist besser als darauf zu hoffen, dass die Regeln von allen gleichermaßen interpretiert werden.

WDR: Es gibt immer wieder Schuldzuweisungen, etwa dass junge Leute die Verbreitung des Virus beschleunigen, weil sie Party machen. Fällt uns der Umgang mit einer Krise leichter, wenn wir einzelne Gruppen zu Sündenböcken machen?

Corsten: Das ist nicht die typische Reaktion der Bevölkerung, das sind Momentaufnahmen. Einzelne Schuldzuweisungen hat es immer dann gegeben, wenn die Situation unklar war. Nun aber ist klar, dass die Gesellschaft langfristig in der Corona-Krise sein wird. Dafür kann man nicht einzelne Gruppen verantwortlich machen.

WDR: Wie erklären Sie sich das Phänomen von Initiativen wie "Querdenken", die gegen die Corona-Beschränkungen protestieren?

Corsten: Wir müssen einfach sehen, dass wir in der Gesellschaft eine starke Spaltung haben zwischen neuen und alten Mittelklassen. Das war schon vor Corona so. Auf der einen Seite eine eher global-kosmopolitische Mittelklasse, auf der anderen eine traditionell bürgerliche Klasse, die sich eher lokal orientiert und abgehängt fühlt. Vor diesem Hintergrund werden viele politische Diskussionen geführt. Bei den Corona-Querdenkern gibt es zudem den Versuch von rechtspopulistischen Strömungen, diese Verunsicherung innerhalb der Gesellschaft für sich nutzbar zu machen - vor dem Hintergrund von Regeln, die unsere selbstverständlichen Umgangsformen miteinander auf den Kopf stellen.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 16.11.2020, 18:36