Reporter-Legende Gerd Ruge ist tot - "ein Mensch, vor dem man den Hut zieht"

Von Marion Menne

Gerd Ruge, WDR-Journalist, Reporter, Weltreisender und Vorbild ganzer Journalistengenerationen, ist tot. Er starb am Freitag mit 93 Jahren in München. Ein Nachruf.

Ein WDR-Treffen zum Kontakte knüpfen im Jahr 2010. Gerd Ruge knabbert Kekse an der Theke und beobachtet den Rummel von Polit-Prominenz und Journaille, in den er geraten ist. "Ach, wissen Sie, ich bin jetzt über 80, ich brauche das nicht mehr", sagt er. So kannten ihn auch die Fernsehzuschauer: zurückhaltend, gelassen, souverän. Am Freitag ist Gerd Ruge im Alter von 93 Jahren in München gestorben.

Gerd Ruge: Der Erzähler lässt erzählen

"Und, wie ist das Leben?" Mit dieser einfachen Frage in seiner freundlichen Art nähert sich Ruge den Menschen und erzählt selbst, indem er sie erzählen lässt.

Gerd Ruge am Holzzaun der russischen Bäuerin, Gerd Ruge im Schwarzen-Ghetto mit Bürgerrechtlern, Gerd Ruge im Moskauer Stau mit Mikrofon bei offener Bulli-Tür. Er fängt Stimmungen ein wie kein anderer, erzählt gerne große Geschichten anhand der kleinen Leute.

Seine Reisereportagen bleiben unvergessen | Bildquelle: WDR

Seine jüngeren Reisereportagen für den WDR "Gerd Ruge unterwegs" sind legendär. Das hellblaue Hemd, die beige Hose und, ja, auch die etwas vernuschelte Sprache werden zu seinen Markenzeichen. Ist Gerd Ruge im Fernsehen, fühlen viele sich gut aufgehoben und folgen ihm gern bis ans Ende der Welt.

"Ein Reporter muss sich nicht selbst in den Vordergrund spielen." Reporter-Legende Gerd Ruge

Ein "Überbleibsel" der alten Schule

In der heutigen Zeit des kühlen Nachrichtenjournalismus und verbreitet reißerischer Reportagen wirkt Ruge fast wie ein "Überbleibsel" der alten Schule. "Ein Reporter muss sich nicht selbst in den Vordergrund spielen", ist sein Credo.

Was einen guten Reporter ausmacht, muss er oft erklären. "Neugier und gute Füße", vor allem aber solle er "den Wunsch haben, sich emotional zu engagieren", ohne das Engagement zum Fehler zu machen. Er müsse geduldig sein, zuhören können - und im richtigen Augenblick ganz ungeduldig werden und den Beitrag fertigstellen.

Seinen eigenen Erfolg erklärt der gebürtige Hamburger, der 1948 seine journalistische Ausbildung beginnt, auch mit dem Siegeszug des Massenmediums Fernsehen. In den 60er-Jahren habe das Publikum alles aufgesogen, was gesendet wurde. Und das sind auch die Bilder des jungen deutschen Reporters, der zu dieser Zeit Washington-Korrespondent der ARD ist.