PCR-Tests limitieren: Wer hat Priorität?

Stand: 21.01.2022, 21:19 Uhr

Weil PCR-Tests angesichts rasant steigender Corona-Infektionszahlen knapp werden, sollen sie bald bestimmten Gruppen vorbehalten sein. NRW setzt bereits weitgehend auf Schnelltests. Für ein Genesenenzertifikat ist ein PCR-Test aber Vorschrift.

Von Nina Magoley

Das aktuelle Tempo der vierten Corona-Welle ist atemberaubend. Weit über einhunderttausend Neuinfektionen meldet das RKI täglich - bestätigt mittels PCR-Tests. Doch die könnten bald knapp werden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will daher am Wochenende eine Beschlussvorlage zur Priorisierung der PCR-Tests vorlegen, die am Montag bei der nächsten Bund-Länder-Konferenz beschlossen werden könnte.

Demnach sollen PCR-Tests dann vorrangig für Menschen verwendet werden, bei denen sicher sein müsse, dass sie nicht an Covid-19 erkrankt sind, sagte Lauterbach vorab. Zum Beispiel Beschäftigte in bestimmten Gesundheitseinrichtungen.

Krankenhauspersonal vorrangig

Laut "Ärztezeitung" sieht der Entwurf vor, dass Labore verpflichtet werden sollen, "entnommenes Probenmaterial von Beschäftigten in Krankenhäusern, stationären Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe sowie ambulanten Pflegediensten und Diensten der Eingliederungshilfe vorrangig zu untersuchen". Die Teststellen müssten in einem Vordruck für den Laborauftrag dokumentieren, ob die jeweilige Probe prioritär zu behandeln sei.

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit begrüßte am Freitag in der "Tagesschau" diese Priorisierung: "Wir werden sehr viele Infektionen in den nächsten Tagen und Wochen sehen. Daher ist es richtig, die begrenzten Ressourcen an den Stellen einzusetzen, wo es wirklich brennt - also in den Krankenhäusern und Pflegeheimen."

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte, es gehe darum, vor allem im medizinischen Bereich schnell Ergebnisse zu haben, damit die Mitarbeiter nicht unnötig lange in Quarantäne müssten. Hier gehe das Freitesten nur mit einem PCR-Test, ist Laumann überzeugt.

NRW-Regelung sorgt für Verwirrung

PCR-Tests werden knapp | Bildquelle: dpa/ Julian Stratenschulte

Dabei sorgt ein Blick in die "Neuen Isolierungs- und Quarantäneregelungen" des Landes NRW vom 16. Januar 2022 für Verwirrung. Einerseits scheinen demnach PCR-Tests künftig eigentlich gar nicht mehr nötig. Denn: Ob zum Nachweis einer Infektion oder zum Freitesten nach Quarantäne - laut NRW-Verordnung reicht, außer für medizinisches Personal, neuerdings immer ein "offizieller Schnelltest".

Andererseits aber heißt es in der Verordnung: Wer sich als genesen ausweisen will, kann das nur mittels eines positiven PCR-Tests, der zu Beginn der Erkrankung gemacht wurde. Würde man also gemäß der neuen Regelung eine Infektion lediglich mit einem Schnelltest nachweisen, fehlte später der Nachweis für die Genesung.

Dem NRW Gesundheitsministerium ist dieser Widerspruch offenbar bewusst. Auf WDR Nachfrage erklärt ein Sprecher das derzeitige Problem: Der Genesenen-Status wird durch das RKI definiert – nicht durch die Test- und Quarantäne-Verordnung des Landes. Die RKI-Richtlinien aber verlangen zurzeit für den Genesenennachweis noch einen PCR-Test.

"In diesem Zusammenhang muss aus Sicht des MAGS unbedingt geklärt werden, wie mit der RKI-Definition des Genensenenstatus, das einen PCR-Test vorsieht, umgegangen wird. Diese Regelungen bleiben abzuwarten." Nordrhein-Westfalen wolle "die Diskussion hierum auch nochmal in der Gesundheitsministerkonferenz anstoßen."

Wer soll priorisiert werden?

Medizinisches Personal hat Vorrang | Bildquelle: dpa/Sebastian Gollnow

Grundsätzlich aber stößt die Idee der Priorisierung bei PCR-Tests in der Fachwelt auf Zustimmung. Wer dann bevorzugt sein sollte, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sagte im Deutschlandfunk, bei jüngeren Menschen würde es ausreichen, eine Corona-Infektion mit einem Schnelltest festzustellen.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen forderte, dass die PCR-Testkapazitäten "als erstes zur Sicherung der kritischen Infrastruktur und Erkennung von Infektionen bei symptomatischen Personen eingesetzt" werden sollten. Schulen schloss er dabei im Gespräch mit der "Rheinischen Post" explizit ein.

Der Leiter des Corona-Krisenstabes der Bundesregierung, Bundeswehr-General Carsten Breuer, sagte der "Süddeutschen Zeitung", Vorrang sollte es für die Beschäftigten der kritischen Infrastruktur geben - also etwa Polizistinnen, Feuerwehrleute, Krankenpfleger oder Verkaufspersonal in Supermärkten.

Dem schließt sich auch der Berufsverband der Laborärzte (BDL) an. Zweite Priorität sollten asymptomatische Patienten mit roter Corona-Warn-App haben, schlug der BDL in einer Stellungnahme vor. In solchen Fällen sei oft "die Sensitivität verfügbarer Antigen-Schnellteste nicht ausreichend", um eine Infektion sicher auszuschließen.

Erst an dritter Stelle der PCR-Priorisierung kämen symptomatische Patienten, die bereits ein positives Antigen-Schnelltest-Resultat mitbringen: "Diese Patienten befinden sich bereits in der Isolation, so dass das Ergebnis für den als Absicherung durchgeführten PCR-Test etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen kann."

Zuverlässigkeit von Schnelltests umstritten

Der Berufsverband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) wiederum fordert, symptomatische Fälle künftig zuerst per PCR zu testen. Ansonsten sei, wo immer möglich, auf Antigen-Testungen auszuweichen.

Der Apothekerverband Nordrhein wiederum ist der Auffassung, dass positive Schnelltestergebnisse aus Bürgertest-Stellen, die von Apothekern oder Ärzten geleitet werden, gültig sein müssten, um eine Infektion beim Arbeitgeber anzuzeigen und nach überstandener Infektion als genesen zu gelten. "Die meisten positiven Bürgertests werden zur Zeit mittels eines aufwendigen PCR-Tests nur noch einmal bestätigt", sagte Verbandschef Thomas Preis der "Rheinischen Post".

Labore an der Kapazitätsgrenze | Bildquelle: WDR

Laborärzte-Chef Andreas Bobrowski dagegen warnte, dass die Freitestung aus der Isolation ausschließlich mit einem Antigen-Schnelltest nicht sicher genug sei: "Wir sehen in unserem Laboralltag zu viele falsche Schnelltestergebnisse und empfehlen daher das konsequente Freitesten im PCR-Verfahren, auch wenn das länger dauert."

Labore an der Kapazitätsgrenze

In NRW sind laut Auskunft des Gesundheitsministeriums von Donnerstag derzeit rund 930.000 PCR-Tests pro Woche möglich - theoretisch. Denn in den Laboren seien die Mitarbeiter mittlerweile überlastet, es herrsche Personalmangel. Daher könnten die realen Kapazitäten schwanken.

In der zweiten Januarwoche seien hierzulande rund 625.500 PCR-Tests durchgeführt worden. Noch im November und Dezember 2021 fanden zu Spitzenzeiten bis zu 500.000 PCR-Tests pro Woche statt.