Chemie-Industrie: Unfall wie in Beirut in NRW nicht möglich

Könnte es auch in NRW zu einem verheerenden Unfall kommen wie in Beirut? Die chemische Industrie verweist auf strengste Regeln und Kontrollen - aber ein Restrisiko bleibt.

NRW ist der bedeutendste Chemiestandort Deutschlands: Rund ein Drittel aller Umsätze in der chemischen Industrie erwirtschaften NRW-Unternehmen. Mit 13 Chemieparks steht NRW bundesweit an der Spitze.

In nahezu allen Standorten der chemischen Industrie wird auch mit gefährlichen oder sogar explosionsfähigen Stoffen hantiert - darunter auch mit Ammoniumnitrat, das offenbar die Katastrophe von Beirut ausgelöst hat. In Nordrhein-Westfalen gibt es laut Landesumweltministerium 20 Betriebsbereiche, die Ammoniumnitrat lagern dürfen. Die Lagermengen in diesen Anlagen reichen von zehn Kilogramm bis 8.000 Tonnen, die alle zentral registriert werden. Ammoniumnitrat ist einer der gängigsten Grundstoffe für Kunstdünger. Der Stoff hat aber noch weitere - gefährliche - Eigenschaften.

Ammoniumnitrat: Kein empfindlicher Stoff

"Das Gefährliche an Ammoniumnitrat ist, dass es zwar ein recht unempfindlicher Explosivstoff ist. Aber darüber wird oft vergessen, dass er doch detonationsfähig ist", sagte der Chemiker Ernst-Christian Koch dem WDR am Donnerstag. Das könne mitunter zu fahrlässigem Umgang mit der Substanz führen, meint der Experte für Sprengstoffe und Pyrotechnika.

Trotz aller Sicherheitsbestimmungen: "Wenn die Regelwerke nicht beachtet werden, dann kann es natürlich immer wieder zu solchen Unfällen kommen."

Letzte große Katastrophe vor 100 Jahren

Tatsächlich hat Deutschland schon einmal eine Katastrophe erlebt, die mit der Explosion in Beirut vergleichbar ist: Am 21. September 1921 starben bei einer riesigen Explosion im BASF-Werk in Ludwigshafen-Oppau mehr als 500 Menschen. Insgesamt 4.500 Tonnen Ammoniumsulfatsalpeter - ein Düngemittel aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat - explodierten und richteten Verwüstungen in den umliegenden Gemeinden an.

Die Unternehmen hätten aus Unfällen wie diesem gelernt, sagt Hans-Jürgen Mittelstaedt vom Verband der chemischen Industrie (VCI). Je gefährlicher der Stoff sei, desto strenger seien auch die Regeln für Lagerung und die Häufigkeit der Kontrollen. Eins sei sicher: "So etwas wie in Beirut hätte bei uns nicht passieren können."

Die jahrelange unsachgemäße Lagerung von rund 2.700 Tonnen Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen sei eine tickende Zeitbombe gewesen. In Deutschland falle schon die Lagerung von nur zehn Tonnen unter die Störfallverordnung und werde streng kontrolliert.

Bezirksregierungen für Kontrollen zuständig

Unternehmen, die mit explosiven Stoffen zu tun haben, müssen bei den örtlichen Bezirksregierungen einen Antrag stellen. "Die Unternehmen müssen individuell nachweisen, warum ihr Umgang mit den Gefahrenstoffen sicher ist - bei verschiedenen denkbaren Szenarien", sagt Uwe Wäckers vom VCI NRW am Donnerstag dem WDR.

Zusätzlich gebe es engmaschige Kontrollen: "Die Bezirksregierungen müssen nach der Erteilung der Genehmigung alle drei Jahre die Unternehmen kontrollieren", sagte Wäckers. "Die Unternehmen wiederum sind verpflichtet, alle fünf Jahre den Stand ihrer Sicherheitstechnik zu überprüfen und auf dem neuesten Stand zu halten."

Zahl der Störfälle sinkt

Tatsächlich ist die Zahl der Chemieunfälle in NRW in den vergangenen Jahren gesunken. 2019 wurden nur insgesamt fünf Störfälle registriert, verletzt wurde niemand. Tote bei einem Störfall gab es zuletzt im Jahr 2012 im Chemiepark Marl. Damals waren bei einer Explosion im Bereich der Kunststoffproduktion zwei Arbeiter ums Leben gekommen.