Psychologe Grünewald: "Corona hat den Anfangsschrecken verloren"

Eine Person hält eine Mund-Nasenbedeckung in der Hand

Psychologe Grünewald: "Corona hat den Anfangsschrecken verloren"

Schwindende Angst vor einer Erkrankung und fehlende Erfolgserlebnisse angesichts hoher Infektionszahlen untergraben die Einhaltung der Corona-Maßnahmen - sagt eine Studie.

Mundschutz tragen, Abstand halten, Kontakte beschränken - die Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Menschen sich daran halten. Doch im zweiten Lockdown gibt es mehrere Dinge, die die Akzeptanz untergraben.

Das geht aus einer Untersuchung des privaten Kölner Rheingold-Instituts hervor. Stephan Grünewald, Psychologe, Rheingold-Chef und Mitglied des Corona-Expertenrates der NRW-Landesregierung, erläutert die Ergebnisse.

WDR: Trotz hoher Todeszahlen haben die Menschen laut Ihrer Untersuchung derzeit weniger Angst als während des ersten Lockdowns – wie passt das zusammen?

Stephan Grünewald, Psychologe

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald: Beim ersten Lockdown hatte man noch kein Gespür für das Ausmaß der Pandemie. Die Menschen waren damals alarmiert von den schrecklichen Bildern aus Bergamo, wo massenweise Särge abtransportiert wurden. Eine so diffuse Gefährdungslage führt zu mehr Ängsten als eine konkrete Bedrohung, die jetzt ja auch messbar ist.

Für Viele ist es offenbar beschwichtigend, das Gefühl zu haben: Aha, es trifft vor allem die Älteren. Hinzu kommt, dass Corona den Anfangsschrecken verloren hat, weil es nach zehn Monaten Teil der Alltagsroutine geworden ist. Man hat sich irgendwie arrangiert.

Verlängerter Lockdown: Vielen geht die Puste aus

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 19.01.2021 03:28 Min. Verfügbar bis 19.01.2022 WDR 5 Von Susanne Schnabel


Download

WDR: Wie wirkt sich das auf den Umgang mit den Corona-Regeln aus?

Grünewald: Die Menschen sagten in den Interviews, dass sie im ersten Lockdown viel vorsichtiger waren. Nach jedem Einkauf wurde überlegt, was habe ich angefasst. Dann wurde desinfiziert. Mittlerweile gibt es immer noch eine gewisse Achtsamkeit, aber einen lockereren Umgang mit den Regeln.

Dazu zwei Beispiele: Fast alle beschreiben, dass sie viel mehr Sozialkontakte haben. Im vergangenen Jahr wurde das ganze Leben runtergefahren. Jetzt hat man einen abgesteckten Bekanntenkreis, mit dem man sich regelmäßig trifft. Auch beim Einkaufen ist ein Unterschied zu beobachten. Im letzten Jahr gab es vor allem Großeinkäufe, heute zählt der tägliche Einkauf zum Alltags-Highlight.

WDR: Verhalten sich denn alle Menschen gleich?

Grünewald: Nein, da gibt es Unterschiede. Wir haben drei Gruppen festgestellt. Es gibt die Übervorsichtigen, die isolieren sich stärker als im ersten Lockdown. Diese Gruppe ist sehr informiert. Dazu gehören Menschen, die Erfahrungen mit schweren Verläufen und Todesfällen gemacht haben.

Die zweite und größte Gruppe sind die Regeltreuen, die sich zwar an die offiziellen Gebote halten, sich aber auch kleine Grauzonen eröffnen und sich individuelle Auslegungen der Regeln gestatten. Sie achten aber darauf, sich nicht angreifbar zu machen.

WDR: Wer gehört zur dritten Gruppe?

Grünewald: Das sind die Sorglosen, die sich im öffentlichen Raum nur einigermaßen an die Regeln halten. Dazu zählen nicht nur die Corona-Leugner, sondern auch Menschen, die das Gefühl haben, sie seien wegen ihres Alters oder ihre Konstitution nicht gefährdet. Aber auch Menschen, die nach zehn Monaten Corona resigniert haben.

WDR: Welche Erwartungen an die Politik gibt es in der Bevölkerung?

Grünewald: Es gibt zwei Erwartungen. Im Moment ist es zermürbend, wenn man so wenig Erfolgserlebnisse hat. Auch wenn man sich weitgehend an die Regeln hält, erlebt man nicht, dass die Zahlen runtergehen und das Wohlverhalten belohnt wird. Von daher hofft man, dass die Politik Maßnahmen ergreift, die einem das Gefühl geben, dass der Verzicht sinnvoll ist.

Das zweite Momentum: Wenn ich mich einschränke und merke, dass andere das nicht machen, entsteht so das Gefühl: Ich bin der Dumme und mein Opfer ist umsonst. Das führt zum Wunsch, dass die Politik Kontrolle ausübt und Verstöße sanktioniert.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Zur Datenbasis

Für die Studie sind Anfang dieses Jahres 30 tiefenpsychologische Interviews geführt worden. "Bei Tiefenpsychologie geht es nicht um Repräsentativität, sondern um Sinnzusammenhänge, unbewusste Mechanismen und Erklärungshintergründe", sagt Rheingold-Chef Stephan Grünewald.

Eingeflossen seien auch Erkenntnisse aus einem Panel, das kontinuierlich 45 Menschen befragt, sowie die Ergebnisse einer Studie aus dem Spätherbst über das Einkaufsverhalten, an der 120 Leute teilnahmen.

Stand: 19.01.2021, 13:59

Kommentare zum Thema

9 Kommentare

  • 9 Michael Lehmann 20.01.2021, 21:41 Uhr

    Ich teile Herrn Grünewalds Sichtweise voll und ganz. Zudem befürchte ich unter der ständig nachgebesserten Verordnungs-Kruste eine zunehmende Unterwanderungs-Tektonik, wenn die Massnahmen nicht einheit-licher getroffen und transparenter begründet werden. Dennoch gilt mein Respekt allen in dieser Situation in der (Regierungs-)Verantwortung Stehenden! Man muss sich bei aller durchaus berechtigten Kritik fragen: Würde ICH das jetzt entscheiden wollen??

  • 8 Ahnungslose 20.01.2021, 07:42 Uhr

    Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Das Virus oder die Vereinsamung der Menschen, Unkenntnis aller davon Betroffenen, Ignoranz der der Frust vieler Menschen über die Beschränkungen. Letztere sind tatsächlich für Familien mit Kindern (egal, ob jünger oder älter), in den Eltern arbeiten müssen (wenn sie noch dürfen), Kranke, Einsame deutlich schwerer zu ertragen als von Menschen, die diese Sorgen nicht noch zusätzlich haben. Da ich aber vorher nicht shoppen gegangen bin und Parties mit 100 Personen gefeiert habe, Kultureinrichtung nicht besucht habe, stören mich persönlich diese Einschränkungen gar nicht. Leider kommt aber auch Frust auf, daß man den Eindruck gewinnen könnte, Hauptsache gesund zur Arbeit - alles, was Spaß macht ist verboten. Ich vermute, das wird frustrierte (und uneinsichtige) Menschen auf die Straßen bringen. Den Politiker mache in diesen Fall keinen Vorwurf - für sie ist alles auch neu. Fr. Merkel mache ich nur einen Vorwurf: "Wir schaffen das". Siehe Kohl. Und wie?

  • 7 Sandro 19.01.2021, 19:55 Uhr

    Vor den Virus habe ich sehr großen Respekt, schütze mich selbstverständlich. Den Politikern kann ich keinen Respekt mehr entgegenbringen, bin nicht mehr sicher wovon die größere Gefahr aus geht, ihre Handlungsweise mutiert extrem schnell, wissen eigentlich nichts. Der einzig mögliche Schutz ist die Medien zu ignorieren.

  • 6 Hajö 19.01.2021, 19:31 Uhr

    Ich wünschte dieses Interview würden Merkel und die Ministerpräsidenten heute lesen. Es trifft exakt auf mein Gefühl zu. Die Angst war im letzten März real, inzwischen hat sie sich abgenutzt und ich bin sorglos. Ich halte mich einigermaßen an die Regeln weil es sonst ein Bußgeld oder Diskussionen mit Verkäufern gibt. Mehr nicht. Wenn ich keine Gruppe von Freunden besuchen darf, dann nacheinander. Mehr als die durch VHS-Schließung/Vereinsschließung etc. erzeugte Kontaktreduzierung mache ich nicht mehr. Deshalb wird auch die FFP2-Maskenplficht erfolglos sein. Die nutzen nur, wenn man sie ans Gesicht dicht anpaßt und ich setze sie nur locker auf. Bringt gar nichts als Maßnahme, nur Merḱel und MPs verstehen das nicht. Der Lockdown hat sich totgelaufen. Viele wollen nicht mehr. Das Gefühl - als Mitte Vierzigjähriger - nicht sehr bedroht zu sein, wirkt stark. Deshalb sind die heutigen Maßnahmen obsolet. Sie bringen keine Veränderung wenn die Leute nicht mitziehen. Und das tun sie nicht mehr.

  • 5 Bärbel Krawatzki 19.01.2021, 18:06 Uhr

    Nabend, zu den übervorsichtigen Regeltreuen zähle ich wohl, da vorerkrankt und sowieso gerne alleine. Für die Politiker ist diese Pandemie ebenso Neuland, wie für uns alle hier. Dass wir, zum Glück!, in einer Demokratie mit freier Marktwirtschaft leben, kommt hier allerdings erschwerend hinzu. Welche Bedeutung hat zum Beispiel der Lobbyismus der Großindustrie für die Beschränkungsmaßnahmen? Ist China mit den absoluten Lockdowns ein gutes Vorbild? Werden Unternehmen wie Starbucks‘, Amazon etc. , die ihren Umsatz zu großen Teilen nicht in DE versteuern, trotzdem unterstützt? Wird durch die wirtschaftliche Situation in der Pandemie ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvoll, notwendig?

  • 4 Hilde 19.01.2021, 17:12 Uhr

    Sind eben Weltmeister im Verdrängen sonst könnten wir nicht weiterleben. Wird nur so erschreckend erlebt da es so schnell geht, Verkehrstote, Umwelteinflüsse viele andere gesundheitliche Beschwerden die schleichend daherkommen haben wir längst ausgeblendet. Irgendwann wird auch die Rache der Globalisierung ihren Schrecken verloren haben, dann geht es weiter wie immer !

  • 3 wener 19.01.2021, 16:08 Uhr

    Die Bundesregierung hätte früher die Wahrheit sagen sollen über Corona das haben sie nicht die hätten die Grenzen dicht machen sollen und keine mehr in Urlaub Fliegen lassen sollen was die sich da zu sammen lügen wer muss es aus Baden die Bürger weil sie nichts auf die reihe bekommen wenn man das schon hört wir schaffen es da wird ein Schlecht und mit den Impfstoff geht im Dezember los und das wird sich bis Ende des Jahres noch Hin ziehen der Spahn redet sich um Kopf und kragen der kriegt auch nichts hin nur reden mehr auch nicht und sollen die geimpften wieder mehr machen können und die nicht wolllen sie das Volk zwei spalten das get in die Hose das werden die sich nicht gefallen lassen und die Poleen und aus Tschechien können hier rrein ohne Test wenn wir da hin wollen müden ein tet vor weidden wir schaffen es

  • 2 Emilia 19.01.2021, 15:03 Uhr

    Ja,vielleicht bin ich übervosichtig. Ich habe allerdings keine Erfahrung mit Coronakranken, oder verstorbenen gemacht. Ich bin informiert. Das reicht, um mich auf das hin und wieder mal einkaufen gehen, isoliere. Auch an Weihnachten waren wir trotz 2 erwachsener Kinder und Enkelkind alleine. Ich hatte gehofft, wenn wir das Weihnachtsfest "absagen ",findet eine weite Anreise nicht statt. Die Eltern des Schwiegersohns mit Bruder,Onkel, Tante, Nichte usw standen ja auch auf der Besuchsliste. Es waren an Weihnachten ja nur 4 zum eigenen Hausstand erlaubt. Das wäre nicht hingekommen. Ich weiß das es viele genauso gemacht haben. Das 2.Momentum kann ich halb befürworten. Ich fühle mich nicht als dumme, werd aber zum Dummen gemacht. Das innerhalb der Familie ist bitter. Kaum jemand hält sich an die aufgestellten Regeln. Deshalb ärgert mich das schon, das meist die Verstöße nur mit erhobenen Finger geandet werden.

  • 1 War gar nicht schlimm 19.01.2021, 14:59 Uhr

    Und dann gibt es die Menschen wie mich, die bereits erkrankt waren und deswegen weniger Angst haben. Ich habe bereits direkt zu Beginn der Pandemie eine Erkrankung aus England mitgebracht. 3 Wochen Husten, keine erkennbaren Folgeschäden. Im letzten Jahr habe ich trotzdem sehr darauf geachtet, mich nicht anzustecken, weil ich auf keinen Fall meine alten Eltern (74 mit COPD und 82) anstecken wollte. Doch dann brachten diese selbst aus dem Urlaub eine Corona-Infektion mit. Meine Mutter war eine Woche im Krankenhaus und danach noch ca. 2 Monate schlapp. Inzwischen geht es ihr sogar besser als zuvor, weil ihre COPD gleich mitbehandelt wurde. Mein 82-jähriger Vater ist nicht erkrankt, mein Bruder, seine Frau und eine Tochter waren positiv mit leichten Symptomen, die anderen beiden Kinder waren negativ, ich bin nicht noch einmal erkrankt. Ich achte auf Abstand und setze beim Einkaufen die Maske auf, um andere nicht anzustecken, aber ansonsten mache ich mir keine Sorgen mehr.

Weitere Themen