30 Millionen Impfungen bis Weihnachten - aber wie?

30 Millionen Impfungen bis Weihnachten - aber wie?

30 Millionen zusätzliche Impfungen bis Weihnachten: Das ist eines der Mittel, mit denen die vierte Corona-Welle gebrochen werden soll. Ist das überhaupt möglich?

Olaf Scholz (SPD), der wahrscheinlich nächste Woche zum neuen Bundeskanzler gewählt wird, hat einen ehrgeizigen Plan: Bis Weihnachten sollen 30 Millionen Impfungen in Deutschland ermöglicht werden, um so die aktuell hohe Corona-Infektionslage besser in den Griff zu bekommen. Scholz bezeichnete das als "eine nationale Aufgabe".

Virologen wie Christian Drosten teilen diesen Ansatz: Sollte es keinen Fortschritt bei den Impfungen geben, müsse man sich auf "mindestens 100.000 weitere Corona-Tote" vorbereiten, sagte er vergangene Woche.

Allerdings sind es bis Heiligabend gerade einmal 20 Werktage einschließlich der Samstage. Man müsste also im Durchschnitt bis Weihnachten an jedem Tag 1,4 Millionen Impfungen durchführen, und zwar ab heute.

Ob diese Leistung mit der aktuellen Infrastruktur so schnell abgerufen werden kann, scheint fraglich. Sie wurde jedenfalls schon einmal erreicht: laut Robert Koch-Institut (RKI) am 9. Juni. Damals waren allerdings auch noch die Impfzentren in Betrieb, die heute an vielen Orten wieder geschlossen sind.

Die Anzahl der Impfungen ist zwar in diesem Herbst deutlich gestiegen, lag in der vergangenen Woche im Schnitt aber dennoch nur bei 620.000. Laut Scholz' Rechnung müsste dieser Wert also mehr als verdoppelt werden. Am Dienstag wurden laut RKI rund 807.000 Dosen verimpft.

Apotheker, Tier- und Zahnärzte sollen impfen

Helfen soll dabei eine Ausweitung der Impfstationen. Neben Hausärzten und allen Fachärzten, die bisher beteiligt waren, sollen auch Tierärzte, Zahnärzte und Apotheker den schützenden Piks setzen. Eine entsprechende Regelung soll schnell in den Bundestag eingebracht werden.

Die Apotheken in NRW unterstützen diesen Vorschlag. "Es zählt jede derzeit verfügbare zusätzliche Impfstelle", erklärte der Vorsitzende des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, Thomas Rochell. Mehr als 200 Apotheken in Westfalen-Lippe seien in der Lage, schnell an den Impfungen teilzunehmen. Auch im Rheinland gibt es nach Verbandsangaben 500 Apotheken, die bereits jetzt impfberechtigt seien. Die Apotheker erwarteten ähnliche Regelungen wie bei den Bürgertests: Auch Corona-Impfungen sollten außerhalb der eigentlichen Räumlichkeiten möglich sein.

Tierärzte: "Grundsätzlich können wir das leisten"

Auch die Zahnärzte sind bereit, gegen Corona zu impfen. Der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Christoph Benz, sagte der "Rheinische Post", die Kollegen hätten durch Studium und Praxis medizinische Expertise, sie setzten jeden Tag Spritzen. "Da Impfen allerdings eine rein ärztliche, keine zahnärztliche Leistung ist, muss zunächst eine gesetzliche Ausnahme geschaffen werden."

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte hält eine Beteiligung von Veterinären ebenfalls für machbar. "Grundsätzlich von der medizinischen Ausbildung können wir das leisten", sagte Verbandssprecherin Astrid Behr. Allerdings müsse die Haftung geregelt und der politische Wille vorhanden sein. Impfende Tierärzte könnten auch ein Vorteil sein für ländliche Gegenden, in denen die ärztliche Versorgung schlechter sei. Dann müsse allerdings auch geregelt sein, dass Tierärzte im Fall eines allergischen Schocks bei der Corona-Schutzimpfung handeln dürften.

Bundeswehrgeneral soll Impfkampagne steuern

Um sicherzustellen, dass die Impfkampagne bestmöglich läuft, wird im Kanzleramt ein Krisenstab eingerichtet. Dieser soll täglich tagen und schnell aktiv werden, wenn es Probleme etwa bei der Verteilung des Impfstoffes gibt. Geleitet wird der Stab von General Carsten Breuer geleitet, einem Logistikexperten der Bundeswehr.

Experten sind skeptisch, ob 30 Millionen erreicht werden können

Tatsächlich sehen Experten hier die größten Hürden für das Erreichen des 30-Millionen-Ziels. Das Problem sei nicht, dass die Ärzte den Impfstoff nicht an den Mann bekämen, sagte Thomas Schulz, Leiter des Virologie-Instituts der Uni Hannover. Vielmehr gebe es "Probleme bei der Verteilung". Auch der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut in Bremen, sagte, er habe wegen eines möglichen Impfstoffmangels Zweifel an der Umsetzung des Ziels. "Aber auch ein knappes Scheitern wäre schon etwas."

Immerhin: Etwas Mut macht die Entwicklung der vergangenen Tage. So wurden am gestrigen Dienstag 807.000 Menschen in Deutschland geimpft. Das ist der höchste Dienstags-Wert seit Ende Juni.

Stand: 01.12.2021, 15:18