Kinder wegen Delta impfen lassen? Was dafür spricht, was dagegen

Kinder wegen Delta impfen lassen? Was dafür spricht, was dagegen

Die Delta-Variante ist im Vormarsch. Was sollten Eltern jetzt tun? Ihre Kinder gegen Corona impfen lassen oder besser nicht? Argumente pro und kontra.

Für Eltern ist es eine schwierige Entscheidung. Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren dürfen gegen Corona geimpft werden. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt das nicht für alle. Nun breitet sich die gefährliche Delta-Variante aus.

Viele Eltern fragen sich: Schade ich meinem Kind eher, wenn ich es nicht impfen lasse? Oder schade ich ihm gerade durch eine Impfung? Argumente dafür und dagegen:

Kontra Kinder-Impfung wegen Delta

"Kinder werden fast nie krank", sagte Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte vor wenigen Tagen dem WDR. Und es gebe "so gut wie keine" schweren Erkrankungen. Laut Stiko, die die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren nur bei bestimmten Vorerkrankungen empfiehlt, gab es in der ganzen Pandemie in Deutschland bislang nur zwei Todesfälle in der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen. Beide Kinder waren schon schwer krank.

Zur Delta-Variante sei die Datenlage "international noch absolut offen", sagte Stiko-Chef Thomas Mertens am Freitag in der "Aktuellen Stunde" im WDR. "Es ist keineswegs bislang erwiesen, dass die Delta-Variante in dieser Altersgruppe schwerere Erkrankungen verursacht. Im Gegenteil: Es gibt auch Daten und Ergebnisse, die eher darauf hindeuten, dass die Delta-Variante weniger krank machend ist."

Wenn die Gefahr für Kinder durch Corona so gering sei, müsse der Impfstoff äußerst sicher sein, meint Mertens. Dafür gäbe es aber bislang zu wenige Studiendaten. Auch aus den USA, wo schon Millionen Kinder geimpft sind, gebe es noch nicht genügend Studienergebnisse. Es sei also noch nicht bewiesen, dass die Impfung für Kinder mehr nützt als schadet.

Die Warnung, eine neue Infektionswelle könne wieder zu mehr Distanzunterricht führen, lässt Mertens nicht gelten. Eine Herdenimmunität lasse sich bis zum Herbst auch durch ausreichend Impfungen von Erwachsenen erzielen.

Die Sterblichkeitsrate und Erkrankungsschwere von Kindern und Jugendlichen nach einer Corona-Infektion seien ähnlich niedrig wie bei der saisonalen Grippe, betonte zudem der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch, in der "Rheinischen Post". Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass die Delta-Variante das ändere. "Ich schätze die Gesundheitsrisiken durch eine Corona-Infektion für Kinder und Jugendliche derzeit als so gering ein, dass auch Abwarten auf neue Erkenntnisse zur Impfung eine Option für zögerliche Menschen sein kann", so Dötsch.

Pro Kinder-Impfung wegen Delta

Eine Infektion mit Covid sei gefährlicher als die Impfung, sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dem WDR. Die Delta-Variante sei auch für Kinder sehr ansteckend. "Die Kinder werden sich gegenseitig anstecken, was bei der ursprünglichen Variante in diesem Umfang überhaupt nicht beobachtet wurde." Daher gebe es beispielsweise in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten und in Israel in den Schulen größere Ausbrüche.

Lauterbach ist dagegen, zunächst die Lage weiter zu beobachten. "Wenn wir warten, sind die meisten Kinder infiziert gewesen." Ein weiteres Argument, das gegen das Warten spreche: Wenn eine Impfung Komplikationen bringt, dann sind diese Komplikationen fast immer am Anfang zu sehen. Und das habe man bei Impfungen von Kindern in Amerika und Kanada nicht gesehen.

Er kenne viele Ärzte, die ihre eigenen Kinder impfen, aber keine fremden Kinder. Weil sie nicht impfen wollen ohne den rechtlichen Schutz durch eine Stiko-Empfehlung. "Das wäre auch für mich so, ich bin ja auch Impfarzt", sagte Lauterbach. Die allermeisten Ärzte impften ihre eigenen Kinder. "Ich zum Beispiel auch, meine 14-jährige Tochter ist geimpft", so Lauterbach.

Ähnlich sieht es auch der Weltärztebund-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery. Denn langfristig helfe nur, 100 Prozent der Bevölkerung zu impfen - und damit eben auch Kinder, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben seien. "Wir müssen das Risikoprofil von Kindern neu bestimmen. Man darf Kinder nur dann impfen, wenn der Nutzen der Impfung für sie größer ist als der theoretische Schaden durch die Erkrankung. Wenn das Profil gegeben ist, bin ich sicher, wird auch die Ständige Impfkommission die Impfung für Kinder freigeben", sagte Montgomery im WDR 5 Mittagsecho.

Delta-Variante: "Versuchen, 100 Prozent zu impfen"

WDR 5 Mittagsecho 28.06.2021 05:15 Min. Verfügbar bis 28.06.2022 WDR 5


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Übrigens: In einem Infoblatt hat auch das Robert Koch-Institut die Informationen von EMA und Stiko zusammengetragen, um Eltern und Kinderärzten eine Entscheidungshilfe zu geben:

Stand: 29.06.2021, 09:22