Der Kinder-Impfstoff kommt: Sollten Eltern jetzt impfen lassen?

Stand: 14.12.2021, 13:21 Uhr

Die Corona-Impfungen von Kindern ab fünf Jahren beginnen. Die Stiko-Empfehlung gilt zwar nicht für alle. Aber alle dürfen. Ist das auch sinnvoll? Eine Entscheidungshilfe für Eltern.

Von Jörn Seidel

Die ersten Apotheken in NRW haben am Montag den Biontech-Impfstoff für Kinder von fünf bis elf Jahren erhalten. Somit könnten bei den Ärztinnen und Ärzten auch schon die ersten Impfungen beginnen, teilte der Apothekerverband Nordrhein dem WDR mit. Sollte man sein Kind jetzt gegen Corona impfen lassen, selbst wenn dafür noch keine Stiko-Empfehlung vorliegt?

Kinder-Impfung: Schwere Entscheidung

Vater vor einer Kölner Grundschule

Ein Vater, der zur Kinder-Impfung noch unschlüssig ist.

"Ich finde es schwer, gerade wenn es um die eigenen Kinder geht", sagte ein Vater vor einer Kölner Grundschule dem WDR. Sich selbst habe er selbstverständlich impfen lassen - bei den Kindern falle ihm die Entscheidung aber nicht so leicht.

Am Donnerstag hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlung abgegeben - sie gilt allerdings noch nicht offiziell. Demnach sollen gesunde Kinder in der Regel noch nicht geimpft werden. Es ist aber möglich. Was bedeutet das jetzt für Eltern? Drei Beispiele zur Entscheidungshilfe:

1. Eltern mit vorerkranktem Kind

Wer ein vorerkranktes Kind zu Hause hat, dem empfiehlt die Stiko ganz klar, es impfen zu lassen. Der Grund: Sie sind mehr gefährdet, durch Corona schwer zu erkranken, als gesunde Kinder. Was mit Vorerkrankungen gemeint ist, erläuterte Stiko-Mitglied Martin Terhardt am Montag im "Morgenecho" bei WDR5:

"Da sind Kinder mit schwerem Übergewicht, Kinder mit Erkrankungen des Immunsystems oder mit Behandlungen, die das Immunsystem einschränken, mit schweren Herzfehlern und mit schweren Lungenerkrankungen." Auch Kinder, die wegen Asthma häufiger ins Krankenhaus müssen, gehören demnach dazu. Und: "Nierenerkrankung, neurologische Erkrankungen, also Behinderungen, auch Diabetes, wer schlecht eingestellt ist, Syndrom-Erkrankungen wie zum Beispiel Down-Syndrom oder auch Tumor oder andere Blut-Erkrankungen." Das betreffe "ungefähr zehn Prozent der Altersgruppe", so Terhardt.

2. Eltern mit Kind, das mit Corona-Gefährdeten in Kontakt ist

Mutter zur Corona-Impfung an seinem Kind

Eine Mutter mit vorerkranktem Kind.

"Wir haben unseren Sohn schon off-label impfen lassen, weil er eine Schwester hat, die Vorerkrankungen hat", berichtete eine Mutter dem WDR. "Natürlich habe ich die eine oder andere schlaflose Nacht gehabt und mich gefragt: Machen wir das Richtige? Aber es ist für uns halt eine Abwägung gewesen, welches Risiko jetzt höher ist."

Off-Label-Impfungen - also mit Impfstoffen außerhalb ihrer Zulassung - sind nun nicht mehr nötig. Denn der Biontech-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren ist seit November offiziell zugelassen. Damit ist nun auch klar: Im Falle eines Impfschadens haftet in der Regel der Staat.

Eltern in ähnlicher Situation wird die Entscheidung nun auch durch die Stiko-Empfehlung erleichtert. In der Mitteilung des Gremiums von Donnerstag heißt es: "Zusätzlich wird die Impfung Kindern empfohlen, in deren Umfeld sich Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, die selbst nicht oder nur unzureichend durch eine Impfung geschützt werden können (z. B. Hochbetagte sowie Immunsupprimierte)." Weitere Details dazu werden in den kommenden Tagen mit der wissenschaftlichen Begründung bekannt gegeben.

3. Eltern, die sich vor schwerer Erkrankung und Long Covid bei ihren Kindern sorgen

In NRW gab es im November 34 Minderjährige, die wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das geht aus dem Covid-19-Survey der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hervor. Auch Long Covid ist bei Kindern nicht ausgeschlossen.

Vater zur Corona-Impfung an Vater Kind

Ein Vater, der sein gesundes Kind impfen lassen will.

Davor wollen viele Eltern ihre Kinder mit einer Impfung schützen. "Wir sind uns da eigentlich schon einig in der Familie, dass wir das machen", sagte ein anderer Vater ohne vorerkranktes Kind. Dem Impfstoff vertraue er. "Ich hab ihn ja selber auch genommen" - nur in anderer Dosierung.

Sofern genug Impfstoff da ist, ist das nun ohne Probleme möglich. Darauf weist auch die Stiko deutlich hin: Auch gesunde Fünf- bis Elfjährige können "nach entsprechender ärztlicher Aufklärung geimpft werden, sofern ein individueller Wunsch der Kinder und Eltern bzw. Sorgeberechtigten besteht".

Trotzdem spricht die Stiko für gesunde Kinder ab fünf Jahren (noch) keine generelle Impf-Empfehlung aus. Und das erklärt sie so: Zum einen gibt es für diese Kinder nur ein "geringes Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung, Hospitalisierung und Intensivbehandlung". Zum anderen kann "das Risiko seltener Nebenwirkungen der Impfung auf Grund der eingeschränkten Datenlage derzeit nicht eingeschätzt werden".

In der Zulassungsstudie für den Biontech-Kinder-Impfstoff traten keine schweren Nebenwirkungen auf. Und auch bei den Millionen Impfungen von Kindern ab fünf Jahren in den USA wurden keine zusätzlichen Nebenwirkungen registriert. Allerdings hatte es bei den Impfungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen einige wenige Fälle einer Herzmuskel-Entzündung gegeben. Ob so etwas auch bei Kindern vorkommt, wird nun genau beobachtet - in den USA gab es das laut Behördenangaben bislang nicht.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Trotz der Bedenken der Stiko sprechen sich manche Expertinnen und Experten auch jetzt schon für die generelle Kinder-Impfung aus - zum Beispiel die deutsche Virologin Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie empfehle die Corona-Impfung "durchaus auch allen Kindern zwischen fünf und elf", sagte sie dem Bayerischen Rundfunk.

Ob man Kinder impfen lassen sollte oder nicht, bleibt also letztlich ein Abwägen von Risiken - sowohl für Expertinnen und Experten als auch für Mütter und Väter.

Bisher "nur" Impfstoff für jedes dritte Kind

Ob Kinder geimpft werden, hängt auch von der verfügbaren Menge des Impfstoffes ab. In NRW leben 1,14 Mio. Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren. Der Bund stellt bundesweit in dieser Woche 2,4 Millionen Impfdosen für die Impfungen der Kinder zur Verfügung. Im Januar 2022 wird das Bundesgesundheitsministerium bundesweit noch einmal 1,2 Mio. Impfstoffdosen zur Verfügung stellen.

NRW wird von diesen Lieferungen insgesamt rund 800.000 Dosen erhalten, was der Impfung von rund 400.000 Kindern entspricht. Zur Einordnung: Mit den bislang vom Bund angekündigten Impfdosen kann "nur" knapp jedes dritte Kind zwischen 5 und 11 in NRW geimpft werden.

Keine Mangelsituation

Das bedeutet aber nicht, dass es eine Mangelsituation gibt. Der WDR hat mit Apotheken-Großhändlern gesprochen, die den Impfstoff an die Ärzte und Impfstellen ausliefern. Die Aussage dort: Die vom Bund ausgelieferte Menge ist so wie von den Ärzten bestellt.

Aktuell kann das NRW-Gesundheitsministerium nicht abschätzen, wie hoch die Nachfrage bei den Kinderimpfungen in Nordrhein-Westfalen sein wird und ob der Bund zeitnah weitere Impfstofflieferungen zur Verfügung stellen wird.

Weitere Themen