Wie geht man mit Verschwörungsmythen um?

Anti-Corona-Demos in München, Slogan "Mundschutzpflicht: nicht ganz dicht. Widerstand2020"

Wie geht man mit Verschwörungsmythen um?

Verschwörungserzählungen haben in Corona-Zeiten starken Zulauf. Doch nicht jede fundamentale Kritik ist auch eine Verschwörungsmythos. Wie lässt sich beides voneinander trennen?

Auch am Wochenende haben in vielen Städten in NRW wieder Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Dabei mischen sich Kritiker der Corona-Beschränkungen und Rechtsextreme, Impfgegner oder Esoteriker. Das eine kann ein wichtiger Beitrag zur Debattenkultur in Deutschland sein - das andere sind oft Verschwörungsmythen.

Der WDR hat darüber mit Guilia Silberberger von der gemeinnützigen Organisation "Der goldene Aluhut" gesprochen, die seit 2014 die Verbreitung von Verschwörungsmythen im Netz verfolgt und bekämpft.

WDR: Wie unterscheiden Sie sachliche Kritik an den Corona-Maßnahmen von einer Äußerung im Zusammenhang mit einer Verschwörungserzählung?

Silberberger: Wir sind in einer absoluten Ausnahmesituation und da ist es ganz wichtig, als Zivilgesellschaft die richtigen Fragen zu stellen. Aber es kommt dabei auf die Quellen und die Verarbeitung der Information an.

Giulia Silberberger, von der gemeinnützigen Organisation "Der goldene Aluhut"

Giulia Silberberger, von der gemeinnützigen Organisation "Der goldene Aluhut"

Verschwörungsmythen arbeiten mit einem geschlossenen Weltbild. Da steht von Beginn an schon fest, dass der Staat der Böse ist, oder dass Bill Gates seine Finger mit im Spiel hat und dass ihm die WHO gehört. Da wird schon im Vorfeld das Feindbild festgelegt und die Fakenews rundherum sollen dieses Weltbild dann bestätigen. Bei sachlicher und konstruktiver Kritik ist das Weltbild eben nicht festgelegt. Sie ist ergebnisoffen, weil sie evidenzbasiert ist, wissenschaftlichen Tatsachen gegenüber offen ist und keinem klaren Ziel folgt.

WDR: Haben Sie ein Beispiel?

Silberberger: Wenn jetzt Menschen gegen die Maßnahmen demonstrieren und dabei absichtlich alle Hygienevorschriften ignorieren, ist alles andere als zielführend.

Vorhin habe ich bei Facebook gesehen, dass jemand geschrieben hat: Sie habe Kontakt zu einer infizierten Person gehabt und sei danach bewusst zu einer Demo gegangen, um da Leute zu umarmen. Das sind Menschen, die den Menschenverstand offenkundig über Board geworfen haben und sich mit dem Verschwörungsvirus infiziert haben.

WDR: Was kann man denn tun, wenn jemand, den man kennt in solche Kreise abrutscht?

Silberberger: Zunächst muss man mal unterscheiden, ob die Person einfach einer Fake-News aufgesessen ist oder ob sich da ideologisch schon was getan hat. Man muss schauen, ob sich die Person schon radikalisiert hat und eventuell von verschiedenen Gruppierungen gegen die Regierung und die "Mainstream-Medien" aufgebracht wurde.

Aber gehen wir mal vom einfachsten Fall aus. Ein Freund oder eine Freundin hat eine Fakenews in den sozialen Medien geteilt und man sieht das. Das Wichtigste ist erst mal das nicht unwidersprochen im Raum stehen zu lassen.

Sondern: Gegenrede, einfach ganz freundlich fragen, woher er das denn hat. Dann schaut man selbst, ob das Ganze vielleicht schon von den Fakenews-Portalen im Netz wie dem Faktenfinder von der Tagesschau entlarvt wurde. Im Idealfall wussten diejenigen gar nicht, was sie da geteilt haben und bedanken sich sogar.

WDR: Und wenn es nicht der Idealfall ist?

Silberberger: Wenn man die Leute mit der Wahrheit konfrontiert, kann es natürlich sein, dass sie die neuen Fakten erst mal nicht glauben. Dann ist es wichtig, weiter zu fragen: Wieso glaubst du, dass die Medien wie die Tagesschau oder die Süddeutsche Zeitung da etwas Falsches schreiben? Wer sollte denn dahinter stecken? Wen genau meinst du mit "Eliten" oder "die da oben?"

Auch die Motivation der Person, die das glauben möchte, ist interessant. Denn Fakenews bestätigen ganz oft schon bestehende Weltbilder und Verschwörungstheorien. Man glaubt eine News, die das eigene Weltbild bestätigt viel schneller.

Deshalb sollte man selbst vor allem mit Fragen arbeiten. So kommt man besser ins Gespräch und kann oftmals mehr erreichen als mit knallharter Konfrontation.

Stand: 12.05.2020, 06:00

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