Klimawandel: Was wir wissen - und was nicht

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen warnt in seinem neuen Bericht vor einem Kontrollverlust bei der Erderwärmung - weit früher als bisher befürchtet. Aber sind sichere Prognosen überhaupt möglich? Was wir über den Klimawandel wissen - und was nicht.

Die Erde wird sich bei der derzeitigen Entwicklung bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen - und damit zehn Jahre früher als 2018 prognostiziert. Dies geht aus dem Bericht des Weltklimarats IPCC hervor, der am Montag veröffentlicht wurde.

Wie sicher sind solche Vorhersagen? Könnte es auch ganz anders kommen? Kann die Katastrophe überhaupt noch verhindert werden? Fragen an Detlef Reepen aus der WDR-Wissenschaftsredaktion.

WDR: All die Jahre hieß es, der Klimawandel werde das Wetter nach und nach - also in einer Art Zeitlupe - verändern. Jetzt werden wir jedes Jahr mit neuen Extremen konfrontiert und auch der Weltklimarat ändert seine Prognosen radikal. Müssen wir umdenken?

Detlef Reepen | Bildquelle: WDR

Detlef Reepen: Ja, wir müssen umdenken. Vor allem müssen wir uns von der Hoffnung verabschieden, dass wir in Europa in einer Komfortzone leben, die weiter ein gemäßigtes Klima haben wird. Der neue Report zeigt eindeutig: Jedes Land der Erde wird betroffen sein. Auch in Deutschland werden Starkregen-Ereignisse, Dürren und Waldbrände zunehmen. Nicht nur in Asien oder Afrika.

WDR: Was gilt mittlerweile als gesichert?

Reepen: Dass der Klimawandel zu großen Teilen menschengemacht ist. Das gilt vor allem für Hitzewellen und Dürren. Bei Starkregen ist der Zusammenhang nicht ganz so deutlich, aber auch hier überwiegt der menschliche Einfluss. Und der Mensch ist jetzt schon für eine durchschnittliche Erderwärmung von 1,1 Grad verantwortlich. Das ist das eindeutige Ergebnis aus rund 14.000 Studien, die seit dem letzten Weltklimabericht entstanden sind.

WDR: Was wissen wir nicht?

Eindeutig menschengemacht | Bildquelle: Phoenix

Reepen: Es gibt noch Unsicherheiten bezüglich des Einflusses der natürlichen Variabilität, zum Beispiel bei extremen Regenfällen, wie wir sie erst kürzlich in NRW erlebt haben. Wir wissen auch nicht, inwieweit die Weltmeere bereits mit Kohlendioxid und Wärme gesättigt sind. Bisher haben die Ozeane einen Großteil der Wärme und der Treibhausgase aufgenommen. Im Idealfall könnte uns dieser Effekt einen Teil des Klimawandels noch ersparen. Es gibt noch viele offene Fragen.

WDR: Ist das globale Klima vielleicht ein so komplexes System, dass sich Entwicklungen mit den heutigen Modellen gar nicht erfassen lassen?

Reepen: Die Modelle sind viel besser geworden. Auch die Methoden wurden verfeinert. Inzwischen stehen uns Supercomputer zur Verfügung, die es vor dem letzten Weltklimabericht noch nicht gab. Die sind auch nötig: Weil die Zusammenhänge von Wind, Niederschlag und Verdunstungsraten mit einfacheren Instrumenten einfach nicht mehr zu erfassen sind.

WDR: Offenbar verstärken sich die Klima-Effekte auch gegenseitig. Welche Auswirkungen könnten zum Beispiel die aktuellen Waldbrände in Südosteuropa, Amerika und Russland haben?

Reepen: Das ist widersprüchlich. Die Brände sind zwar ein Ergebnis von verknüpften Extremwetter-Ereignissen. Und wenn Wälder brennen, wird unglaublich viel Kohlendioxid freigesetzt. Aber die zusätzliche Luftverschmutzung hat noch einen anderen Effekt: Die Partikel in der Luft reflektieren das Sonnenlicht und sorgen damit für eine kurzfristige Abkühlung. Aber am Ende werden sich die negativen Folgen wieder durchsetzen.

WDR: Was ist mit den steigenden Meeresspiegeln? Müssen sich Küstenstädte schneller als befürchtet auf Überschwemmungen einstellen?

Reepen: Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich zwar seit den 1970er-Jahren verdoppelt. Aber das Horrorszenario, nach dem nicht nur der grönländische, sondern auch der antarktische Eisschild abschmilzt, hat sich inzwischen als ein extrem unwahrscheinliches Ereignis herausgestellt. Aber der Meeresspiegel wird dennoch steigen - nur langsamer. Und selbst Erfolge im Klimaschutz können das nicht ganz verhindern.

WDR: Pessimisten sagen, der Zug des Klimawandels sei längst abgefahren und nicht mehr aufzuhalten. Könnten sie Recht haben?

Reepen: Nein, da ist der Report eindeutig: Jede Tonne CO2 zählt. Wenn wir bis 2040 bei den Kohlendioxid-Emissionen eine Vollbremsung hinbekommen, können wir das Zwei-Grad-Ziel noch einhalten. Sogar eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,7 bis 1,8 Grad ist theoretisch noch möglich. Dazu müsste allerdings die Weltgemeinschaft ihre Versprechen wahrmachen: Europa, USA und vor allem China.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Was ist der Weltklimabericht?

Alle fünf bis sechs Jahre veröffentlicht der Weltklima-Rat IPCC Berichte, die den aktuellen Stand der Klimaforschung abbilden. Dafür werden keine eigenen Studien durchgeführt, sondern die Ergebnisse von tausenden Forschungsarbeiten zusammengefasst. Der erste IPCC-Bericht wurde 1990 veröffentlicht, der vorerst letzte Report wurde 2014 abgeschlossen.

Die Berichte bestehen stets aus drei Teilen: Im ersten Teil werden die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel dargestellt - wie im aktuellen Bericht. Der zweite Teil kommt später und konzentriert sich auf wirtschaftliche und andere gesamtgesellschaftliche Folgen der Erderwärmung. Im dritten Teil werden Optionen genannt, wie Regierungen und die Völkergemeinschaft die Auswirkungen des Klimawandels lindern können - die Veröffentlichung ist für März 2022 geplant.