Neuinfizierte: So funktioniert die Obergrenze in NRW

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Neuinfizierte: So funktioniert die Obergrenze in NRW

Von Nina Giaramita / Nina Magoley

  • Obergrenze für Neuinfektionen in einzelnen Landkreisen
  • Bei Überschreiten müssen Lockerungen zurückgenommen werden
  • Ausbrüche in Einrichtungen werden gesondert betrachtet
  • Bereits erste Überschreitung im Kreis Coesfeld

Kaum beschlossen, muss die neue Corona-Notbremse auch schon angewandt werden: Im Kreis Coesfeld ist die Zahl der Neuinfektionen durch einen Coronausbruch in zwei Schlachthöfen bereits über die kritische Marke von 50 pro Woche auf 100.000 Einwohner gestiegen. Das genau ist die Obergrenze, auf die sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder am Donnerstag geeinigt hatten.

Berücksichtig werden soll mit der neuen Obergrenze, dass es in der Pandemie große regionale Unterschiede gibt. In manchen Gegenden sind Corona-Infektionen selten, andere dagegen gelten nach wie vor als Hotspots. Wenn hier die Zahl der Neuinfektionen wieder zulege, müsse nicht gleich ein ganzes Bundesland zu strengeren Regeln zurück.

Möglich: Schärfere Regeln für einzelne Pflegeheime

Ist ein neues Infektionsgeschehen noch klarer eingrenzbar - zum Beispiel auf ein einzelnes Alten- oder Pflegeheim beschränkt - , soll es nach der neuen Regelung auch möglich sein, neue Beschränkungen nur der jeweiligen Einrichtung aufzuerlegen - und nicht dem ganzen Landkreis.

"Wir können mit dieser Obergrenze sehr flexibel reagieren, ohne dass wieder das ganze Land lahmgelegt wird", sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Vorbild seien die anfänglichen Entwicklungen im Kreis Heinsberg, wo kurz nach dem Corona-Ausbruch "sehr schnell Schulen und Kitas geschlossen wurden".

Große regionale Unterschiede

Ein Blick auf das Infektionsgeschehen in den einzelnen Landkreisen NRWs zeigt: Während mancherorts zuletzt kaum Neuinfektionen vermeldet wurden, kratzen andere Kreise fast schon an der neuen Obergrenze. In Münster gab es beispielsweise zuletzt nur 2,5 neue Fälle pro 100.000 Einwohner in einer Woche, während es in Olpe 20 und in Oberhausen 21,3 Fälle waren.

Kreis Coesfeld erste Überschreitung

Im Kreis Coesfeld wurden am 8. Mai 52,7 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche gemeldet. Dort haben sich offenbar viele Mitarbeiter eines Fleischproduzenten infiziert. Damit ist die Obergrenze überschritten, für den Kreis Coesfeld gelten daher vorerst die alten, strengeren Schutzregeln.

Ebenfalls hohe Werte hatten am Freitag (08.05.2020) Euskirchen mit 19 Fällen je 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen, Bottrop mit fast 18 und Krefeld mit 17,6 . In insgesamt 17 Landkreisen und Städten war die Zahl zweistellig.

Wie die aktuelle Lage in NRW ist, zeigt eine WDR-Karte, die anhand der aktuellen Daten der Landesregierung die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den einzelnen Kreisen und kreisfreien Städten darstellt.

RKI nicht an Entscheidung beteiligt

"Indem man diese Zahl über einen Zeitraum von sieben Tagen im Blick behält, kann man die Dynamik des Infektionsgeschehens ganz gut beurteilen", sagt WDR-Wissenschaftsredakteurin Ruth Schulz. Nach ihrer Einschätzung ist die Vorgabe der Zahl 50 daher nachvollziehbar.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) äußerte sich in einer Stellungnahme am Donnerstag (07.05.2020) zurückhaltend: Die Zahl 50 sei ein "pragmatischer Grenzwert", den er für "grundsätzlich sinnvoll" halte, sagte RKI-Vizechef Lars Schaade. Das Institut sei aber an der Entscheidung nicht beteiligt gewesen.

Er wies noch einmal darauf hin, dass Deutschland erst "am Anfang der Pandemie" stehe. Eine Grenzwertregelung wie die jetzige sei als Maßnahme zu sehen, "das Virus in unseren Alltag einzubauen", einen Umgang damit zu finden.

"Mehr Beinfreiheit" und Corona-Warn-App

Der Deutsche Landkreistag begrüßt die Entscheidung für eine Fokussierung auf die regionale Entwicklung der Infektionszahlen. "Die Landkreise benötigen eine gewisse Beinfreiheit", sagte Verbandspräsident Reinhard Sager, um eigenverantwortliche Entscheidungen treffen zu können. Nur auf diese Weise sei es bislang gelungen, die örtlich begrenzten Infektionsherde zu beherrschen.

Umso wichtiger sei jetzt auch die schnelle Einführung einer Corona-Warn-App und die Ausweitung der Tests, sagt Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags. Die App können den Gesundheitsämtern vor Ort helfen, die Lage aktuell zu bewerten.

Stand: 08.05.2020, 16:58