Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach

Lauterbach empfiehlt vierte Impfung auch für Unter-60-Jährige - was sagt die Stiko?

Stand: 15.07.2022, 17:02 Uhr

Auf die dritte Corona-Impfung folgt für viele Menschen bereits die vierte. Bislang aber nicht für alle. Wann wer den zweiten Booster bekommt. Fragen und Antworten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat seine Impf-Empfehlung für Unter-60-Jährige bekräftigt. Auch sie sollten sich unter Umständen eine vierte Corona-Impfung, also den zweiten Booster, geben lassen, so Lauterbach. Von der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) weicht er allerdings deutlich ab. Fragen und Antworten zur vierten Impfung:

Wem empfiehlt Minister Lauterbach die vierte Impfung?

"Wenn jemand den Sommer genießen und kein Risiko eingehen will zu erkranken, dann würde ich in Absprache mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen", zitiert der "Spiegel" am Freitag den Minister. Ähnlich formulierte es Lauterbach bereits am Montag gegenüber dem WDR:

"Bei denjenigen, die weniger als 60 Jahre alt sind, bei den Jüngeren, die aber viele Kontakte haben oder die zum Beispiel Begleiterkrankungen haben, würde ich persönlich - auch in Absprache natürlich mit dem behandelnden Arzt - die vierte Impfung überlegen und wahrscheinlich auch nutzen", so Lauterbach zum WDR. Er selbst habe das bereits getan, so der 59-Jährige weiter.

"Ich bin selbst auch zum vierten Mal geimpft." Karl Lauterbach (SPD)

Wem empfiehlt die EU-Kommission eine vierte Impfung?

Am Montag sprach die EU-Kommission die Empfehlung aus, dass sich auch Menschen über 60 Jahren zum vierten Mal gegen Corona impfen lassen sollten.

Stella Kyriakides

Stella Kyriakides, EU-Gesundheitskommissarin

"Es ist wichtig, dass alle über 60-Jährigen und alle gefährdeten Personen so schnell wie möglich eine zweite Auffrischungsdosis erhalten", erklärte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides laut einer Mitteilung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC und der EU-Arzneimittelbehörde EMA.

Grund für die Empfehlung seien der erneute Anstieg der Zahl der Fälle und der Krankenhauseinweisungen seit Sommerbeginn. "Wir haben keine Zeit zu verlieren", so Kyriakides weiter.

Was steht in der Stiko-Empfehlung zur vierten Impfung?

Eine generelle Empfehlung zur vierten Impfung hat die Stiko bislang nur Über-70-Jährigen ausgesprochen. Außerdem sollen Menschen in Pflegeeinrichtungen, Menschen mit Immunschwäche ab fünf Jahren sowie Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen aus Sicht der Stiko eine zweite Booster-Impfung bekommen. In jedem Fall solle bei der zweiten Auffrischung ein mRNA-Impfstoff verwendet werden, sprich der von Biontech oder Moderna.

Bei gesundheitlich gefährdeten Menschen soll der zweite Booster frühestens drei Monate nach der ersten Auffrischimpfung erfolgen, das Personal in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen solle den zweiten Booster frühestens nach sechs Monaten erhalten, so die Stiko.

Für Menschen, die nach der ersten Auffrischimpfung eine Corona-Infektion durchgemacht haben, empfiehlt die Stiko keine zweite Auffrischungsimpfung.

Stiko-Chef Mertens gegen Empfehlungen nach dem Motto "viel hilft viel"

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (StiKo).

Thomas Mertens, Stiko-Vorsitzender

Mit Blick auf Lauterbachs Vorstoß äußerte sich der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens kritisch: "Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto 'Viel hilft viel' auszusprechen", sagte er der "Welt am Sonntag". Er kenne keine Daten, die einen solchen Ratschlag rechtfertigten. Dass die EU-Behörden ECDC und EMA die Altersgrenze zuletzt auf 60 festsetzt hatten, sei aber vertretbar, sagte Mertens weiter. "Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für einen schweren Verlauf. Es ist nicht einfach, hier einen genauen Cut beim Alter zu machen.

Allerdings könne nicht jedes Jahr die gesamte Bevölkerung gegen das Coronavirus geimpft werden. Die dreimalige Impfung mit den verfügbaren Impfstoffen schütze gut vor schweren Verläufen, sagte Mertens. "Aber die Übertragung des Virus wird nur gering beeinflusst."

Bundesgesundheitsminister Lauterbach hatte die Stiko bereits im März gebeten, die bisherige Empfehlung zur vierten Impfung dahingehend zu überprüfen, ob auch Menschen ab 60 Jahren die vierte Impfung generell zu empfehlen sei.

Warum empfiehlt die Stiko die vierte Impfung?

Die Stiko begründete ihre Empfehlung damit, dass es laut Studienlage nach der ersten Auffrischimpfung binnen weniger Monate einen schwindenden Infektionsschutz gegen die Omikron-Variante gebe. Das sei vor allem für Menschen ab 70 und Menschen mit Immunschwäche, die besonders gefährdet für einen schweren Verlauf seien, ein Risiko. Der zweite Booster solle den Schutz verbessern.

Ist man mit den bisherigen Impfstoffen vor Omikron geschützt?

Grundsätzlich ja. Vor allem nach der ersten Booster-Impfung hat man auch mit den bisherigen Impfstoffen einen hohen Schutz vor einem schweren Corona-Krankheitsverlauf. Das zeigen unter anderem die Wochenberichte des Robert Koch-Instituts mit den Zahlen zur Hospitalisierung. Trotzdem kann es auch nach einer Auffrischungsimpfung zu einem Impfdurchbruch mit schwerem Verlauf kommen.

Wird die vierte Corona-Impfung mit der Grippe-Impfung verbunden?

Grundsätzlich ist keine Verknüpfung zwischen vierter Corona-Impfung und Grippe-Impfung vorgesehen. Beide Impfungen können aber problemlos quasi gleichzeitig erfolgen. So sagt es die Ständige Impfkommission (Stiko).

Welche Erfahrungen gibt es mit der vierten Impfung aus anderen Ländern?

Daten aus Israel, die im März veröffentlicht wurden, deuten auf einen eher geringen Zusatznutzen einer vierten Corona-Impfdosis beim Schutz vor Omikron-Ansteckungen hin. Bei Personal im Gesundheitswesen sind mit einer vierten Dosis eines mRNA-Impfstoffs zwar Antikörper-Spiegel wie kurz nach dem ersten Booster wiederhergestellt worden, allerdings sind Durchbruchsinfektionen verbreitet gewesen. Das haben israelische Forscherinnen und Forscher herausgefunden.

Impfampulle der Firma Moderna und Pfizer-BioNTech

Bei der israelischen Studie wurden Biontech und Moderna verwendet.

Die Effektivität der vierten Dosis mit Blick auf Schutz vor einer Ansteckung mit der Omikron-Variante wird von den Forschern mit elf Prozent (Moderna) bis 30 Prozent (Biontech) angegeben im Vergleich zu Dreifachgeimpften. Wegen der angenommenen Wirkung gegen schwere Krankheit und Tod dürften laut den Autorinnen und Autoren ältere und gefährdete Gruppen am ehesten von einer vierten Dosis profitieren.

Insgesamt lassen die Daten demnach vermuten, dass eine vierte Dosis die Immunität nicht zusätzlich steigert, sondern einfach Spitzenwerte wiederherstellt.

Ist es sinnvoll, mit der vierten Impfung zu warten, bis der Omikron-Impfstoff da ist?

Wegen der unterschiedlichen Empfehlungen zur vierten Impfung sollte man diese Frage wohl am besten mit seiner Ärztin oder seinem Arzt besprechen. Nach derzeitigem Stand kann der an die Omikron-Variante angepasste Impfstoff in Deutschland ab Herbst verimpft werden.

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