Corona-Regeln: Reicht 2G, um die vierte Welle zu brechen?

Corona-Regeln: Reicht 2G, um die vierte Welle zu brechen?

Von Jörn Kießler

Um die rasante Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, soll in der nächsten Woche in NRW die 2G-Regel eingeführt werden. Mehrere Wissenschaftler sagen aber schon jetzt: Das wird nicht reichen.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt rasant. Fast täglich meldet das RKI einen neuen Höchststand der bundesweiten Inzidenz. Dieser wirkt aber fast ungefährlich beim Blick in Bundesländer wie Sachsen oder Bayern, wo die Sieben-Tage-Inzidenz mittlerweile zwischen 600 und 800 liegt.

Bei der Frage, warum das so ist, sind sich Politik und Wissenschaft einig: In Deutschland sind noch immer zu wenige Menschen geimpft. Gerade am Beispiel Sachsen wird das deutlich. Dort ist die Inzidenz mit einem Wert von 793,7 höher als im Rest Deutschlands. Gleichzeitig liegt die Quote der vollständig geimpften Einwohner mit 57,6 Prozent (Stand: 19.11.2021) niedriger als in jedem anderen Bundesland.

Impfen verbessert die Lage nur langfristig

Um der Lage wieder Herr zu werden, hat Sachsen jetzt, wie zuvor schon Bayern, die Corona-Maßnahmen verschärft. Ab Montag wird dort das öffentliche Leben massiv eingeschränkt. Ganz im Sinne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der am Freitag in der Bundespressekonferenz erklärt hatte, dass Impfen allein nicht reiche, um die vierte Welle zu brechen.

Spahn und Wieler zur Coronalage

RKI-Chef Lothar Wieler (l.)

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sprach sich dort für striktere Corona-Maßnahmen aus. Gegenüber der dpa sagte Wieler sogar, dass andernfalls eine fünfte Corona-Welle drohe.

"Wenn das Verringern der Kontakte und das Impfen nicht intensiv gelingt, werden wir nach den jetzigen Modellierungen auch noch eine fünfte Welle bekommen." Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts

NRW nur zwei Wochen hinter bundesweiter Inzidenz

Ganz so weit geht Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlands und Infektionsmodellierer, noch nicht.

Thorsten Lehr, Saarbrücker Pharmazie-Professor, steht vor einem Bildschirm mit einer von ihm entwickelten Simulation der Corona-Entwicklung.

Pharmazie-Professor und Infektionsmodellierer Thorsten Lehr.

Im WDR 5 Mittagsecho sagte er aber ganz klar: Wenn sich in den kommenden Wochen keine Verhaltensänderung bei den Menschen einstelle, müsse man noch vor Weihnachten bundesweit mit einer Inzidenz von 500 rechnen.

"Wir brauchen eigentlich jetzt massive Kontakteinschränkungen! 2G allein wird nicht reichen, um diese Welle jetzt zu brechen." Thorsten Lehr, Professor für für Klinische Pharmazie und Infektionsmodellierer

Denn Lehr geht davon aus, dass auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe durch die 2G-Regelung nicht stark reduziert wird. Zwar hätten Ungeimpfte dann zu vielen Veranstaltungen keinen Zugang mehr, "in der Praxis wird aber das passieren, dass sich die Ungeimpften woanders treffen". Gerade an Österreich, wo die 2G-Regel schon länger gilt, habe man gesehen, dass der Anstieg der Infektionszahlen dadurch nicht gebremst werde.

Und selbst in NRW, wo die Infektionszahlen derzeit noch unter dem Bundesdurchschnitt liegen, sehe es nur zwei Wochen später genauso aus wie in ganz Deutschland.

Sachsen verschärft Corona-Maßnahmen

Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

So sieht das offenbar auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen in seinem Bundesland am Freitagabend ankündigte. Seinen Amtskolleginnen und -kollegen im Rest Deutschlands empfiehlt er, diese Schritte schon früher zu ergreifen, wenn sich die Inzidenz in ihren Bundesländern nicht so entwickeln soll, wie in Sachsen.

"Das was wir hier erleben, ist etwas, was in vielen Teilen Deutschlands in den kommenden Wochen und Monaten eintreten wird." Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident Sachsen

Um das zu verhindern, sind laut Lehr Maßnahmen nötig, die ähnlich hart sein müssten, wie während des Lockdowns im vergangenen Jahr.

Er schlägt vor, Großveranstaltungen abzusagen, aber auch die Treffen im Privaten zu reduzieren. "Jeder einzelne muss sich hier auch an die Nase greifen und überlegen, ob jetzt wirklich Kontakte nötig sind", sagt Lehr.

Stand: 20.11.2021, 12:44