Corona-Spürhunde im ersten großen Test-Einsatz

Corona-Spürhunde im ersten großen Test-Einsatz

Von Oliver Strunk

In einem ersten großen Praxistest sollen am Sonntagabend Spürhunde bei Konzertbesuchern eine Corona-Infektion erschnüffeln - anhand von Schweißproben. Aber wie riecht eigentlich Corona?

Erstmals in Deutschland sollen Corona-Spürhunde im Praxiseinsatz zeigen, was sie können. Die Band Fury in the Slaughterhouse bestreitet in Hannover das Auftaktkonzert einer Reihe. Ziel des Forschungsprojekts sei es, herauszufinden, ob der Einsatz der Hunde eine Option sei und Großveranstaltungen sicherer machen könne, sagte Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU).

Schweißprobe aus der Armbeuge

Der Cocker Spaniel Joe schnüffelt in der Tierärztlichen Hochschule an einer Trainingsmaschine für Corona-Spürhunde.

Cocker-Spaniel Joe übt an der Trainingsmaschine.

Zu dem Konzert am Sonntagabend sind 500 Besucher zugelassen, alle müssen vorher einen Antigen-Schnelltest und einen PCR-Test machen - und eine Schweißprobe aus der Armbeuge für die Hunde abgeben. Fünf bis sechs Hunde sollen im Einsatz sein.

Die Probe wird genommen, indem die Besucher mit einem Wattepad über die Armbeuge streichen. Dort gibt es laut Holger Volk, dem Leiter der Klinik für Kleintiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, am wenigsten Fremdgeruch.

Für Hunde ist das Projekt ein Spiel

Corona-Spürhund Cordula steht vor einer Pressekonferenz vor Daniel Jannett, Björn Thümler, Holger Volk und Gerhard Greif.

Corona-Spürhund Cordula mit Awias-Trainer Daniel Jannett, Minister Björn Thümler sowie Holger Volk und Gerhard Greif von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Die Hunde laufen nicht durch die Menschenmenge, sondern bekommen die Proben abseits davon präsentiert, wie der Klinikleiter erklärt. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Menschen mit den Hunden "positiv interagieren", also kuscheln wollten. Teils bekämen die Hunde Sammelproben über eine Probenmaschine, aus deren Löchern Gerüche strömen, teils liefen sie an einer Reihe von Proben entlang. "Das ist für die ein Spiel", sagt Volk.

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Projekt beteiligt

Trainiert wurden die Hunde vom Braunschweiger Unternehmen Awias und dieses Training wurde wiederum von Forschern der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg überprüft. Durch chemisch-analytische Untersuchungen flüchtiger Stoffe aus den Proben versuchen die Bonner Forscher zu bestimmen, welche dieser Stoffe für den spezifischen Geruch Covid-19-Erkrankter verantwortlich sind.

Der Hund muss darauf trainiert werden, diesen Zielgeruch zu identifizieren und dann entsprechend anzuzeigen. Aber was riecht der Hund da eigentlich genau? "Das wissen wir nicht wirklich", sagte Professor Peter Kaul von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Sonntag dem WDR.

"Der Hund ist wohl nicht in der Lage, das Virus selber zu riechen, aber das Virus erzeugt ja im Menschen eine Änderung des Stoffwechsels, indem Zellen, die befallen sind, den Zelltod sterben. Und da können chemische Reaktionsprodukte entstehen, die vielleicht einzigartig für diesen Virus sind. Welche Substanzen das sind, das wissen wir leider nicht." Professor Peter Kaul, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Hundennasen bleibt fast nichts verborgen

Es gibt kaum etwas, das Hunde nicht riechen können. Sie werden inzwischen nicht nur dazu eingesetzt, um Drogen, Waffen oder Sprengstoff zu entdecken, sondern sie können auch eine Krebserkrankung bei Menschen erkennen. Außerdem warnen Spürhunde Diabetiker vor Unterzuckerung oder Epileptiker vor Anfällen. Ein Corona-Spürhund, der seit Anfang des Monats am Flughafen in Maimi eingesetzt wird, war zuvor darauf trainiert worden, für landwirtschaftliche Betriebe eine spezielle Krankheit von Avocado-Bäumen, die Lorbeerwelkenkrankheit, auf den Feldern aufzuspüren.

Weltweit gibt es inzwischen 26 Studien, die alle ergaben, dass Hunde Corona-Infektionen erschnüffeln könnten, wie Holger Volk von der Tierklinik Hannover erklärt. Das funktioniere auch bei Menschen ohne Symptomen. Zwar gebe das Virus keinen Geruch ab, verändere aber den Stoffwechsel befallener menschlicher Zellen. Und das könne der Hund riechen.

Laut aktuellen Studien können Hunde 10.000 bis 100.000 mal besser riechen als Menschen. Wir haben nämlich nur etwa sechs Millionen Rezeptoren dafür, während Hunde ungefähr 300 Millionen vorweisen können.

Erste Studien waren bereits erfolgreich

Corona-Spürhund Cordula (Berner Sennenhund) steht vor einer Pressekonferenz vor dem niedersächsischen Landtag.

Corona-Spürhund Cordula ist ein Berner Sennenhund, es kommen aber auch andere Rassen wie Schäferhunde zum Einsatz.

Bereits im Sommer 2020 hatte ein Forscherteam unter Leitung der Tierärztlichen Hochschule eine Studie veröffentlicht, für die acht Spürhunde der Bundeswehr auf Sars-CoV-2 trainiert worden waren. Schon nach achttägigem Training konnten die Hunde von 1.012 Speichel- oder Atemwegssekret-Proben 94 Prozent korrekt identifizieren.

Es sei die erste Studie überhaupt gewesen, so Volk. In Helsinki und Dubai kamen Corona-Spürhunde aber schon am Flughafen zum Einsatz. Auch in Miami schnüffeln seit Anfang des Monats Spürhunde an den Masken von Flughafenmitarbeitern. Bei einem Hund liegt die Treffersicherheit laut Flughafen bei über 99 Prozent.

Konzertreihe mit immer mehr Besuchern - und schließlich ohne Maske

Die vierteilige Konzertreihe wird fortgesetzt mit Bosse, Alle Farben und Sido. Bei den folgenden Konzerten steigen die Besucherzahlen nach und nach auf bis zu 1.500 - und immer mehr Corona-Regeln entfallen. Beim letzten Konzert müssen nicht einmal mehr Masken getragen werden.

Aber lassen sich Hunde auch bei großen Events mit 50.000 Menschen und mehr einsetzen? Die Tierärztliche Hochschule Hannover glaubt nicht, dass Corona-Spürhunde die Lösung etwa bei Fußballspielen seien. Auch Peter Kaul von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg weist auf die logistischen Herausforderungen hin: "Kein Hund wird in der Lage sein, alle 10.000 Besucher eines Stadions für ein Fußballspiel nacheinander abzusuchen." Entweder müsste man viele Hunde einsetzen oder auf Stichproben zurückgreifen. Es sei auch die Frage, was man sich leisten möchte. Aber man werde in der Pandemie wohl verstärkt auf den Hund setzen.

"Der Hund ist als erster Indikator [für eine Corona-Infektion] deutlich schneller, als jeder bisher eingesetzte Test." Professor Peter Kaul, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Stand: 19.09.2021, 17:00