7. Oktober 1963 - Todestag von Gustaf Gründgens

Gustav Gründgens und Marianne Hoppe

Stichtag

7. Oktober 1963 - Todestag von Gustaf Gründgens

Hinter der weißen Maske des Mephisto – Gustaf Gründgens Paraderolle als Schauspieler – steckt ein Grenzgänger voller Widersprüche. Er lebt viele Rollen, alle gleichzeitig: linker Dandy und Nutznießer der Nazis, hysterische Diva und kühler Rationalist. Er ist ein Besessener, der ohne Applaus nicht leben kann. Einer, der Männer liebt, und Frauen heiratet. Der Schriftsteller Klaus Mann schreibt über ihn: "Er litt an seiner Eitelkeit wie an einer Wunde. Wer seiner selbst sicher wäre, gäbe wohl nicht so an. Wer sich auch nur von einem Menschen wirklich geliebt wüsste, hätte es kaum nötig, ständig zu verführen."

Durchbruch als Mephisto

Schon als junger Mann will der Sohn eines rheinischen Industriellen zum Theater. "Als Beruf ist mir nie etwas anderes in den Sinn gekommen, als Schauspieler zu werden", sagt Gründgens in einem Interview. Er besucht die Schauspielschule in Düsseldorf und arbeitet sich über die Provinz verbissen nach oben. An den Hamburger Kammerspielen darf er mit 27 Jahren endlich seine Lieblingsrolle spielen, den Hamlet. Den großen Durchbruch erlebt er erst im Dezember 1932, als er im Preußischen Staatstheater in Berlin den Mephisto gibt. Auch der zweite Teil des Faust, Ende Januar aufgeführt, wird ein Triumph. Während er auf der Bühne als hinreißender Teufel sein Publikum beeindruckt, feiern die Nationalsozialisten auf den Straßen Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler.

Herrmann Göring ist sein mächtigster Gönner

Der Schauspieler, schwul und links eingestellt, findet sogar unter den Nationalsozialisten einen mächtigen Gönner: Hermann Göring, als preußischer Ministerpräsident auch Chef über die Bühnen des Preußischen Staatstheaters. "Sie wissen, dass man das Theater die Insel nannte. Und auf diese Insel haben sich eben die besten Schauspieler geflüchtet, die nur irgend konnten, weil eben diese beiden Theater nicht Joseph Goebbels unterstanden", erklärt Gründgens später.

Zwischen Göring und Goebbels herrscht ein erbitterter Konkurrenzkampf. Während der Propagandaminister den homosexuellen Schauspieler verachtet, ernennt Göring ihn 1934 zum Intendanten. Gründgens glaubt, sich als Künstler heraushalten zu können. "Ich möchte einmal der gewesen sein, der die Flamme in einer dunklen Zeit bewahrt und gehütet hat", sagt er.

Gründgens will noch "rasch lernen, wie man lebt"

Er nutzt seine Position, um Verfolgten zu helfen, und zumindest Einem rettet er das Leben. Mit seinen erstklassigen Inszenierungen macht er das Theater allerdings auch zum Aushängeschild des NS-Regimes. Nach dem Krieg ist Gründgens bald wieder obenauf, zunächst als Intendant in Düsseldorf, dann am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Mit 63 Jahren gibt er den Posten ab, um endlich Zeit für sich zu haben: "Wenn ich jetzt diesen Einschnitt gemacht habe, so mache ich ihn, um vor Toresschluss noch rasch zu lernen, wie man lebt."

Eine Weltreise soll die Sehnsucht nach Leben stillen: Zusammen mit seinem jungen Freund macht sich Gründgens auf den Weg. Dabei ist er bereits schwer krank, leidet an Migräne, Rheuma und extremer Schlaflosigkeit, die er mit immer mehr Pillen und Drogen bekämpft. Nur drei Wochen nach Beginn der Reise stirbt Gustaf Gründgens in Manila an einer Überdosis Schlaftabletten – ob er sie mit Absicht oder aus Versehen genommen hat, wird nie geklärt.

Stand: 07.10.2013

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Stand: 07.10.2013, 00:00