Anonymer Brief weist schon 2020 auf eingesperrtes Mädchen in Attendorn hin

Stand: 17.11.2022, 19:28 Uhr

Im Fall des jahrelang eingesperrten Mädchens in Attendorn hat das Jugendamt im Herbst 2020 erstmals einen mysteriösen Brief bekommen. Politiker wollen eine bessere Aufsicht.

Für konkrete Konsequenzen gegen das Olper Jugendamt sei es noch zu früh, sagte die Landesregierung am Donnerstag im Familienausschuss des NRW-Landtags. Aber dass die Behörde Fehler gemacht hat, darüber war man sich einig. Die Landesregierung und die SPD sprachen sich für eine bessere Kontrolle aus.

Projektgruppe unterstützt das Jugendamt

Auch der Olper Landrat Theo Melcher kündigte in der Kreistagssitzung am Montagabend Unterstützung für das Olper Jugendamt an. Dazu solle eine neue Projektgruppe aus Experten der Universität Siegen und des Landesjugendamtes Münster entstehen. Man wolle sich der Realität und der Frage stellen, wie so etwas wie in Attendorn passieren konnte, sagte der Landrat.

Das Mädchen soll fast ihr ganzes Leben von der Mutter und den Großeltern versteckt worden sein. Obwohl es schon 2020 in einem anonymen Brief an das Jugendamt einen Hinweis auf den Fall gegeben haben soll, wurde die Achtjährige erst im September 2022 befreit.

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Erste Hinweise nicht überprüft

Laut Staatsanwaltschaft gibt es eine Aussage der Polizei, dass das Jugendamt beim ersten Kontakt mit der Polizei auch nach drei anonymen Hinweisen noch keine Hausbesuche gemacht hätte.

Demnach habe das Amt nach konkreten Hinweisen im Herbst 2021 die Polizei gefragt, ob eine Hausdurchsuchung bei den Großeltern in Attendorn möglich sei. Die Frage der Polizei, ob das Amt selbst schon dort gewesen sei, habe eine Mitarbeiterin des Jugendamtes verneint. Erst danach seien Jugendamts-Mitarbeiter selbst zu dem Haus gefahren.

Die Polizei habe anschließend nichts mehr von dem Fall gehört, bis das Jugendamt fast ein Jahr später nach einem weiteren Hinweis erneut aktiv geworden sei.

Familienausschuss diskutiert über den Fall Attendorn

00:28 Min. Verfügbar bis 17.11.2023


Jugendamt räumt Fehler ein

Dem widerspricht das Jugendamt des Kreises Olpe deutlich. Es hatte zwar bereits vor einigen Tagen Defizite im Zusammenhang mit dem Fall eingeräumt. Der Fachbereichsleiter Michael Färber sprach gegenüber dem WDR am Donnerstag jedoch nur von einer "nicht ganz sauberen Dokumentation" des Falls. Unter anderem seien ein Meldebogen und ein Gefährdungs-Einschätzbogen nicht ausgefüllt worden.

Fachbereichsleiter widerspricht Vorwürfen der Polizei

Michael Färber, Leiter des Fachbereichs Jugend, Gesundheit, Soziales des Kreises Olpe

Michael Färber vom Jugendamt weist die Vorwürfe zurück

Die anonymen Hinweise sind ihm zufolge aber alle verfolgt worden. Bereits am 26.10.2020 sei nach dem ersten Hinweis ein Hausbesuch bei den Großeltern des Mädchens in Attendorn erfolgt, so Färber. Dieser sei allerdings nicht korrekt in der Akte vermerkt worden.

Im Anschluss habe das Jugendamt weitere Recherchen angestellt und sich unter anderem bei der Krankenkasse und bei Kinderärzten nach der Mutter und dem Mädchen erkundigt. Weil es dort keine Meldungen zu ihnen gegeben habe, sei die zuständige Sachbearbeiterin davon ausgegangen, dass Mutter und Kind weiterhin in Italien lebten.

Unter anderem diesen Widerspruch in den Aussagen will die Staatsanwaltschaft jetzt aufklären. Klar ist: Hätte das Jugendamt früher bei den Behörden in Italien nachgeforscht, wäre die Falschbehauptung der Mutter früher aufgeflogen.

Sechs neue Stellen im Kreisjugendamt in Olpe

Ob Personalmangel zu den Versäumnissen beigetragen hat, ist noch unklar. Der Bericht der Landesregierung zeigt aber: Ab 2023 sollen sechs neue Stellen im Jugendamt Olpe besetzt werden. Die Maßnahme sei unabhängig von dem Fall in Attendorn, helfe aber, solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern.

Erster anonymer Brief 2020

Der Text des ersten Briefs, den das Amt 2020 erhielt, war aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus Sicht des Mädchens geschrieben. Das hat der Staatsanwalt gegenüber dem WDR bestätigt. Es folgten weitere anonyme Schreiben..

Ehepaar gibt entscheidenden Hinweis

Blick auf das Haus im sauerländischen Attendorn, in dem ein achtjähriges Mädchen fast sein gesamtes Leben lang festgehalten worden sein soll.

Blick auf das Haus im sauerländischen Attendorn, in dem ein achtjähriges Mädchen fast sein gesamtes Leben lang festgehalten worden sein soll.

Erst fast zwei Jahre nach dem ersten Brief kam durch den Hinweis eines Ehepaars erneut Bewegung in den Fall. Die italienischen Behörden teilten auf Nachfrage mit, dass Mutter und Tochter dort nicht leben - obwohl sie angeblich 2015 ausgewandert waren. Das Jugendamt kontaktierte die Polizei erneut, zehn Tage später wurde die Achtjährige Ende September befreit.

Inzwischen wird gegen die Mutter und die Großeltern ermittelt. Aber auch das Jugendamt ist im Visier der Staatsanwaltschaft - wegen des Anfangsverdachts der Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt durch Unterlassen. Dazu wurden auch Akten im Amt beschlagnahmt.

Über das Thema berichten wir am 17.11.2022 in der Lokalzeit im WDR Fernsehen und in den Nachrichten auf WDR 2.