#nachCorona werden wir weniger fliegen

#nachcorona – werden wir anders reisen? Aktuelle Stunde 09.06.2021 03:46 Min. Verfügbar bis 09.06.2022 WDR

#nachCorona werden wir weniger fliegen

Von Rainer Striewski

Fernreisen waren während der Corona-Pandemie kaum möglich. Jetzt könnten wir bald wieder weit weg fliegen - aber wollen wir das überhaupt? Der Trend scheint eindeutig.

Sonja Felder hatte genug vom Corona-Alltag. Die Düsseldorferin musste mal raus. Kurzerhand schnappte sie sich Sohn und Hund - und fuhr mit ihrem VW-Bus für ein paar Tage in die Nordeifel, auf eine Wildcamper-Wiese mitten in der Natur. Für sie war klar: In der Corona-Zeit sollte der Urlaub einfach und preiswert sein.

Sonja Felder sitzt in der Tür ihres VW-Busses

Sonja Felder: mit dem VW-Bus in den Kurzurlaub

Damit liegt Sonja Felder voll im Trend: "Durch die Pandemie ist auch der Tourismus entschleunigt worden", weiß Zukunftsforscherin Anja Kirig. Die Menschen würden nun merken: "O.k., wenn ich drei Tage mal hier in die Gegend fahre, hat das einen sehr guten Wert. Und es gibt ganz viel zu entdecken vor der Haustür, was ich bis jetzt gar nicht kannte."

Wer kann sich Urlaub überhaupt leisten?

Aber auch der nahe Urlaub ist für viele kein Thema - nicht wegen Corona, sondern aus rein finanziellen Gründen: 12,8 Prozent der Deutschen konnten sich im Jahr 2019 keine Woche Urlaub leisten. Das geht Zahlen des Europäischen Statistikamts Eurostat hervor.

Besonders schwierig ist's für Alleinerziehende: Für 27,3 Prozent von ihnen war im Jahr 2019 eine Urlaubswoche finanziell einfach nicht drin. Allerdings lag der Wert in den Vorjahren deutlich höher: 2013 konten sich knapp die Hälfte der Allerinerziehenden in Deutschland keine Woche Urlaub leisten.

Etwas besser sah's vor Corona bei den Über-65-Jährigen aus. Von ihnen konnten sich "nur" 19,9 Prozent keinen Urlaub leisten.

Hinweis: Eine frühere Version des Beitrags enthielt auch vorläufige Zahlen für das Corona-Jahr 2020. Diese Zahlen waren teils deutlich höher als in den Vorjahren. Eurostat hat die Daten nach der Veröffentlichung aber wieder zurückgezogen, um mit Deutschland zu klären, wie die hohe Abweichung zustande kam.

Wohin geht's in den Urlaub?

Wer sich aber in den vergangenen Monaten Urlaub leisten konnte, den zog's nicht in die Ferne, sondern eher in den Süden oder Norden Deutschlands: Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zählten 2020 zu den Top-Reisezielen der Deutschen. Klar, im Corona-Jahr waren Fernreisen kaum möglich.

Und während die heimischen Urlaubsregionen Besucher hinzugewannen, verloren die einst beliebten Auslandsziele entsprechend: Nach Spanien wurden im vergangenen Jahr 5,1 Mio. Reisen aus Deutschland weniger gebucht, nach Italien 3,3 Mio. und die Türkei verzeichnete einen Rückgang von 2,1 Millionen Reisen aus Deutschland.

Und an dieser Entwicklung wird sich wohl so schnell nichts ändern. Schon vor Corona hätte es einen Trend zum kurzen, regionalen Urlaub gegeben, erklärt Zukunftsforscherin Anja Kirig. Und der werde sich nach Corona fortsetzen - zumindest mittelfristig. Denn direkt nach Corona wäre der Wunsch nach einem längeren Tapetenwechsel erst einmal groß. Das dürfte erklären, warum Pauschalreisen derzeit wieder recht beliebt sind.

"Cocooning" auch im Urlaub

Zukunftsforscherin Anja Kirig

Zukunftsforscherin Anja Kirig: "Kurze Urlaube liegen im Trend"

Aber: "Es hat generell an Attraktivität verloren, für eine kurze Zeit eine weite Strecke zu fahren", weiß Kirig. Viele möchten sich im Urlaub wie zu Hause fühlen - ob im Wohnwagen, Wohnmobil oder der Ferienwohnung. "Cocooning" liegt weiterhin im Trend, also der Wunsch, es sich zu Hause - oder eben in der Ferienunterkunft - schön zu machen.

Und das geht offenbar in Deutschland am besten. In der aktuellen ADAC-Tourismusstudie gaben 80 Prozent der Befragten an, ihren Haupturlaub in drei bis fünf Jahren in Deutschland verbringen zu wollen. 56 Prozent nannten Ziele innerhalb Europas und nur 21 Prozent Ziele außerhalb Europas.

Und wie verbringen wir dann den Urlaub in Deutschland? Viele offenbar in der Ferienwohnung - ob gemietet oder gekauft. Dem "Cocooning"-Trend folgend könnten laut ADAC-Studie in drei bis fünf Jahren gemietete Ferienwohnungen oder auch kleine Hotels in der Gunst der Urlauber deutlich zulegen. Aber auch Urlaub auf dem Campingplatz oder dem Bauernhof wird demnach attraktiver.

"Wildcamping" für totale Ruhe

Und wer auf die Annehmlichkeiten einer Ferienwohnung oder eines Campingplatzes verzichten kann, der sucht sich - wie die Düsseldorferin Sonja Felder mit ihrem VW-Bus - einfach einen Platz zum "Wildcampen". Das ist zwar nicht überall erlaubt, einige Bauern stellen aber gern ihre Wiesen dafür zur Verfügung. Buchbar sind die Plätze dann über spezielle Online-Plattformen.

Wer's noch selbstbestimmter mag, investiert einen Teil der Urlaubskasse einfach in einen guten Rucksack samt Zelt - und macht sich etwa auf in die Eifel. Hier kann auf offiziellen Trekkingplätzen ganz romantisch unterm Sternenhimmel übernachtet werden.

Stand: 10.07.2021, 13:27

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