30. September 1933 - Einzige Radioreportage aus KZ wird aufgezeichnet

Politische Häftlinge im KZ Oranienburg (v. l.): Magnus, W. Flesch, Cuesecke, Alfred Braun, Fritz Ebert, Ernst Heilmann (Aufnahme im August 1933)

Stichtag

30. September 1933 - Einzige Radioreportage aus KZ wird aufgezeichnet

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 berichten ausländische Medien über Misshandlungen und Mord in deutschen Konzentrationslagern. Um diese Berichte zu entkräften, macht die NS-Führung das KZ Oranienburg in der gleichnamigen Kleinstadt in der Nähe von Berlin zu einem angeblich gläsernen Vorzeigelager. In Propagandafilmen werden KZ-Häftlinge "bei Sport, Spiel und leichten Tätigkeiten" gezeigt. Am 30. September 1933 entsteht die erste und einzige Hörfunk-Reportage aus einem KZ: "Das junge nationalsozialistische Deutschland wehrt sich gegen Lügen- und Gräuelmeldungen, die ein Teil der Auslandspresse verbreitet hat", sagt der Ansager. "Eine Lüge jagte die andere Lüge. So bringen wir heute einen wahrheitsgemäßen Ausschnitt aus dem Konzentrationslager Groß-Berlins." Die Reportage  wird auf neun Schallplatten aufgezeichnet.

Erniedrigung, Folter, Mord

"Wir befinden uns hier in einem hell gestrichenen, von der Sonne durchfluteten Raum, alles sauber, weiß, die Möbel weiß lackiert, vor uns ein großer Sanitätsschrank mit Medikamenten." Reporter Geböse tut bei der Beschreibung des angeblichen "Krankreviers" so, als wäre Oranienburg ein Erholungsheim. Er lässt sich vom KZ-Kommandanten Werner Schäfer durch das Lager führen: "Wir können vielleicht bei dieser Gelegenheit gleich mal die Schlafräume besichtigen." Welche Räume der Reporter daraufhin beschreibt, ist heute nicht mehr rekonstruierbar. Die tatsächlichen Schlafräume liegen jedenfalls im Keller der ehemaligen Brauerei, aus der die SA  am 21. März 1933 ein KZ gemacht hat. Wie es in dem feuchten und fast fensterlosen Kühlkeller aussieht, beschreibt ein Jahr später der ehemalige Häftling und SPD-Abgeordnete Gerhart Seger nach seiner Flucht ins Ausland: "Wir lagen auf dem rohen Strohsack, von den Wänden rann das Wasser."

Die Häftlinge spielen in der Reportage nur eine Nebenrolle. Kommen sie zu Wort, loben sie das Lagerleben. In Wirklichkeit gibt es tägliche Schikanen und Misshandlungen. Einsitzende Juden müssen die Latrinen mit bloßen Händen säubern. Im "Zimmer 16" wird bei den Verhören gefoltert. Von insgesamt rund 3.000 Häftlingen kommen in Oranienburg mindestens 16 um, unter ihnen der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, der 1934 ermordet wird.

Barbarei in der Aufzeichnung nicht hörbar

Nach Aufzeichnung der Hörfunk-Reportage besteht das KZ Oranienburg noch ein knappes Jahr. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juli 1934 übernimmt die SS Oranienburg, löst es im selben Monat auf und verlegt die Insassen. Zwei Jahre später entsteht im Oranienburger Ortsteil Sachsenhausen ein neues Konzentrationslager. Durch das KZ Sachsenhausen werden keine Reporterteams mehr geführt, es dient der Vernichtung.

Aber auch in KZ Oranienburg ist die Barbarei bereits da. Sie wird in der Radioreportage nur nicht hörbar. Wer traut sich schon die Wahrheit zu sagen, wenn am nächsten Tag die Dunkelzelle auf einem wartet oder der sogenannte stehende Sarg: ein so enger Raum, dass Hinsetzen unmöglich ist. "Es ist wohl überflüssig zu sagen, was bei dieser Übertragung weggelassen wurde", sagt Augenzeuge Seger, "die Wahrheit über die Hölle Oranienburg."

Stand: 30.09.2008