22. September 2008 - Vor 30 Jahren: Erste "Null-Nummer" der Taz erscheint

Stichtag

22. September 2008 - Vor 30 Jahren: Erste "Null-Nummer" der Taz erscheint

Die Geschichte der "Tageszeitung" (Taz) beginnt mit einer Verspätung: Die erste von zehn Null-Nummern trägt das Datum 22. September 1978. Doch kaufen können die Leser die Zeitung erst fünf Tage später. Das Blatt ist nicht rechtzeitig fertig geworden. "50 Leute aus allen Städten haben fünf Tage lang jeden Artikel diskutiert", erinnert sich die Berliner Journalistin Ute Scheub. "Wir waren Handwerker, Studenten, was auch immer. Spontis halt - also wilde Gestalten mit möglichst vielen Haaren." Hierarchien seien verpönt gewesen. "Wir wollten basisdemokratisch sein!" Die Verzögerung ist für die Taz-Gründer damals kein Problem: "Aktualität wird primär geschaffen, ist nicht vorgegeben", sagt Joachim Schmidt bei der Redaktionskonferenz. "Aktualität heißt auch nicht, dass das, was heute da draußen passiert, morgen in der Zeitung stehen muss." Die erste Taz wurde in den Räumen des ID in Frankfurt am Main produziert, des "Informationsdienstes für unterdrückte Nachrichten". Diese Nachrichtenagentur für die Alternativpresse leiht den Zeitungsanfängern ihre Büros und ihre Technik.

Die Idee einer linken Tageszeitung kursiert bereits in den 60er Jahren während der Anti-Springer-Kampagnen der Studentenbewegung. Umgesetzt wird sie jedoch erst nach dem Deutschen Herbst. Damals verhängt die Bundesregierung nach der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch die RAF im September 1977 eine Nachrichtensperre - mit Billigung der Chefredakteure führender Medien. Viele Linke sehen darin eine Pressezensur und wollen unabhängige Informationen dagegen setzen. Konkret diskutiert wird das Projekt einer alternativen Tageszeitung im Januar 1978 beim "Tunix-Kongress" in Berlin. Danach bilden sich in über 20 Städten Initiativgruppen. Ein "Verein der Freunde der alternativen Tageszeitung" wird gegründet sowie eine Spenden- und Abonnement-Kampagne gestartet. Um die Kosten decken zu können, sollen 10.000 Abonnenten geworben werden. Obwohl das nicht gelingt, startet das "Bewegungsblatt".

Inhaltlich will sich die Taz von der Konkurrenz abgrenzen: "Unser Alltag ist zu wichtig, um ihn dem Schmierenjournalismus der Boulevardpresse zu überlassen", heißt es im Programm der Taz-Gründer. "Wir wollten die Betroffenen zu Wort kommen lassen", sagt Ute Scheub rückblickend. Bürgerinitiativen sollten die Artikel über ihre Aktivitäten selbst schreiben. Doch es zeigt sich rasch, dass sich die sogenannte Basisberichterstattung nicht umsetzen lässt. Auch die Kosten können nicht gedeckt werden. Deshalb stecken die Redakteure ihr eigenes Geld in das Projekt. "Das war Selbstausbeutung bis zum Geht-nicht-mehr", sagt Ute Scheub. Der ersten Null-Nummer folgen in unregelmäßigen Abständen weitere Ausgaben. Anfang 1979 zieht das Taz-Kollektiv nach Berlin um. Am 17. April des selben Jahres erscheint die erste tägliche Taz - mit 6.500 vorbestellten Abonnements.

Stand: 22.09.08