27. September 2008 - Vor 70 Jahren: Erste deutschsprachige Sendung der BBC

Stichtag

27. September 2008 - Vor 70 Jahren: Erste deutschsprachige Sendung der BBC

Eingeleitet werden die Hörfunksendungen des Deutschen Dienstes der "British Broadcasting Corporation" (BBC) mit vier Paukenschlägen: kurz-kurz-kurz-lang. Sie klingen wie die ersten Töne von Beethovens "Fünfter" und entsprechen dem Morsezeichen für den Buchstaben V wie "Victory" ("Sieg"). Dieses Radioprogramm soll von London aus das Informationsmonopol der Nazis brechen. Am 27. September 1938 sendet die BBC zum ersten Mal in deutscher Sprache nach Deutschland. Anfang September hatte Adolf Hitler öffentlich gedroht, das tschechoslowakische Sudentenland militärisch ans Deutsche Reich anzuschließen. Um den bevorstehenden Krieg abzuwenden, richtet nun der britische Premier Neville Chamberlain einen Friedensappell an die deutsche Bevölkerung: "Ich gebe die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht auf", heißt es zu Beginn seiner ins Deutsche übersetzten Rede. Doch Hitler will keinen Frieden. Wenig später überfällt die Wehrmacht Polen.

Der Zweite Weltkrieg ist der erste Krieg, der auch im Äther geführt wird. Nazis und Engländer messen dem Hörfunk kriegswichtige Bedeutung zu. An sein aufklärerisches Potenzial glauben allerdings nur die Briten. Der Direktor des neuen BBC-Programms ist Hugh Carlton Greene, ehemaliger Berlin-Korrespondent und jüngerer Bruder des Schriftstellers Graham Greene: "Hauptprinzip war die Wahrheit". Nur wer wahrheitsgemäß über Niederlagen berichte, dem werde auch geglaubt, wenn er über Siege berichten könne. Gegen den propagandistischen Tonfall des Nazi-Rundfunks setzen die BBC-Journalisten einen anderen Nachrichten-Stil: klar, einfach, sachlich. Englische Deutschland-Kenner arbeiten im Team mit deutschen Exilanten. Kommentare werden jedoch stets von Briten gesprochen. Mit einer Ausnahme: Aus den USA liefert der deutsche Schriftsteller Thomas Mann zu.

Die BBC ist fast überall in Deutschland auf Lang-, Mittel- und Kurzwelle zu empfangen. Die Nazis selbst haben mit ihrem "Volksempfänger" für die Verbreitung von Radios gesorgt. Vor allem bei den Nachrichten über den Kriegsverlauf trauen die Deutschen den Angaben ihrer Führung nicht mehr. Die Zahl der BBC-Hörer in Deutschland wächst von schätzungsweise einer Million 1940 auf bis zu 15 Millionen 1944. Die BBC ist auch populär, weil sie zwischen den Deutschen und ihrer Führung unterscheidet: "Friede mit dem deutschen Volk? Jawohl! Friede mit Hitler? Niemals!" - so Direktor Greene. Nur selten greift der Deutsche Dienst selbst zur Propaganda. Stattdessen informiert er bereits Ende 1942 über die Judenvernichtung: "Ganze Transportzüge wurden vergast." Allerdings berichtet die BBC nur vereinzelt und zurückhaltend über den Massenmord.

Nach Kriegsende wird der Deutsche Dienst der BBC zum Vorbild für den öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunk. In der britischen Besatzungszone wird Greene erster Direktor des neuen Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Daneben bleibt auch der Deutsche Dienst der BBC erhalten. In den 80er Jahren und vor allem nach dem Mauerfall werden dessen  Etat und Programm massiv gekürzt - auf Druck der britischen Regierung und privater Konkurrenzsender. Am 26. März 1999 beendet der "German Service" der BBC seine Sendungen.

Stand: 27.09.08