21. September 2008 - Vor 215 Jahren: Das Ostseebad Heiligendamm wird eröffnet

Stichtag

21. September 2008 - Vor 215 Jahren: Das Ostseebad Heiligendamm wird eröffnet

Mondäne Fünf-Sterne-Hotels, Massen-Ansammlungen von Polizei und Demonstranten sowie ein XXL-Strandkorb voller Regierungschefs - das sind die Bilder, die seit dem G-8-Gipfel 2007 das Image von Heiligendamm prägen. Knapp 250 Millionen Euro hat die Dürener Fundus-Gruppe seit 1996 am Strand von Mecklenburg-Vorpommern investiert, um das älteste Seebad Deutschlands in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Die Wiederbelebung des heruntergekommenen Nobelbades werde den Bewohnern in der strukturschwachen Küstengegend endlich den ersehnten Aufschwung bringen, verspricht der Großinvestor. Schon seine Entstehung verdankt Heiligendamm nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen - und der tatkräftigen Initiative eines herzoglichen Leibarztes.

Mitte des 18. Jahrhunderts entstehen in England die ersten Seebäder. Kranke Menschen mit Hilfe des salzigen Seewassers heilen, das will auch Professor Dr. Samuel Vogel an der rauen Ostseeküste. Anno 1793 schreibt der Leibmedicus des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin an seinen Landesherrn: "Deutschland braucht endlich ein Seebad!" Herzog Friedrich Franz I., Herr über ein eher ärmliches Herzogtum, erkennt die Möglichkeiten, die in Vogels Plan stecken und antwortet: "Es ist sehr schön, kranke Menschen zu heilen - nicht zu gedenken der Tatsache, dass das Geld im Lande bleibt, was auswärtige Bäder demselben jetzt entziehen." So wird im September 1793 am "Heiligen Damm" ein luxuriöses Badehaus eröffnet. Schon im Jahr darauf lockt es 300 zahlungskräftige Gäste. Als besonders renditeträchtige Attraktion richtet der geschäftstüchtige Fürst zusätzlich die weit und breit einzige Spielbank ein.

Heiligendamm selbst bleibt zunächst ein reiner Badeort. Die Gäste wohnen in Doberan, unweit der herzöglichen Sommerresidenz. Als erster Prachtbau am Strandsaum entsteht 1816 das klassizistische Kurhaus, an das sich in den folgenden Jahrzehnten wie an einer Perlenschnur 26 weiße Luxusvillen reihen. Dieser Kulisse verdankt Heiligendamm den schmückenden Beinamen "Weiße Stadt am Meer". Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich die elitäre Sommerfrische zum Familienbad. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beginnt der Niedergang Heiligendamms. Die Prachtbauten dienen zunächst als Kadettenschulen, danach als Flüchtlingsquartiere und 1945 rückt die Rote Armee in das Seebad ein. Zwei Jahre später, im real existierenden Sozialismus, wandelt sich der einstige Stolz des Kaiserreichs  zum Sanatorium für verdiente Arbeiter. "Die exklusive 'bessere Gesellschaft' wird sich hier nie mehr auf Kosten der Werktätigen von ihrem Schmarotzerdasein erholen", tönt die DDR-Propaganda - und irrt auch hier gewaltig.

Stand: 21.09.08