Assimiou Touré - Todesangst in Angola, Heimatgefühl in Leverkusen

Von Olaf Jansen

Als er im Nationalmannschaftsbus unter Beschuss genommen wurde, ging's für Assimiou Touré ums Überleben. In Leverkusen fand der frühere Fußballprofi eine Heimat - und hat jetzt ein Buch darüber geschrieben.

Es war am 8. Januar 2010 im Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Angola. Die Fußball-Nationalmannschaft Togos saß im Bus, war auf dem Weg zum Afrika-Cup, der in jenem Jahr in Angola stattfinden würde. Die Gruppe fuhr in zwei Fahrzeugen durch bewaldetes Gebiet, als es plötzlich auf das Blech des Mannschaftsbusses hagelte. "Hagel in Afrika - ich dachte kurz: Das gibt's doch gar nicht", erinnert sich Assimiou Touré an den schlimmsten Tag seines Lebens.

Im Gang des Busses standen der Co-Trainer und der Pressesprecher der Mannschaft, daneben Torhüter Kodjovi Obilale, die sich angeregt unterhielten. Plötzlich sackten alle drei zusammen und fielen auf den Boden. "Erst da bemerkte ich, dass es Geschosse waren, die da auf uns niedergingen", sagt Touré. Panik brach aus, die Spieler warfen sich auf den Boden. Draußen lieferten sich angreifende Rebellen der Region ein wildes Gefecht mit Sicherheitskräften, ehe sie in die Flucht geschlagen werden konnten.

Terroranschlag in Angola überlebt

Zurück blieb ein traumatisiertes Nationalteam Togos. Zwei Team-Mitglieder hatten die Attacke nicht überlebt, es gab zudem zahlreiche Verletzte. Die Mannschaft wurde Hals über Kopf in die togoische Heimat zurücktransportiert, für den Nichtantritt beim Afrika-Cup wurden die Westafrikaner am Ende vom afrikanischen Fußballverband CAF auch noch sanktioniert. "Afrika", stöhnt Assimiou Touré noch heute in der Rückschau: "Einen solchen Umgang mit einer derartigen Situation können wir uns in Europa gar nicht vorstellen."

Touré lebt in Deutschland, seit er fünf ist. Er übersiedelte mit seiner Mutter, wuchs im nordrhein-westfälischen Bergneustadt in einem Flüchtlingsheim auf. Sein fußballerisches Talent wurde schnell deutlich, schon bald wurde er in die Jugendabteilung Bayer Leverkusens aufgenommen, wo er mit 18 schließlich auch Profi wurde.

"Bin ein kölsche Jung geworden"

"Ich habe in Deutschland eine Heimat gefunden und fühle mich absolut als Deutscher" sagt Touré, der im Gespräch seinen rheinischen Dialekt kaum verbergen kann. "Ich bin ein kölsche Jung geworden", sagt Touré, der die Rheinländer-Art schätzen gelernt hat: "Die Art, hier zu leben und auch zu arbeiten ist etwas ganz Besonderes", sagt er. "Selbst wenn die Arbeit schwer ist, steht immer jemand an deiner Seite und sagt: `Komm Jung, noch'n Stückchen, du schaffst dat'. Und siehe da: Et hätt noch immer jot jejange."

Besuch mit Trikots im Gepäck: Touré in seiner Heimat Togo | Bildquelle: privat

Relativ gut lief auch die fußballerische Karriere Tourés: Nachdem er für Bayer Leverkusen zu zwei Kurzeinsätzen in der Bundesliga gekommen war, wechselte er zum VfL Osnabrück, war bei Arminia Bielefeld und ließ seine Laufbahn schließlich in Babelsberg, Uerdingen und Bonn ausklingen. Zwischenzeitlich wurde er Nationalspieler Togos, nahm für das Land seiner Wurzeln an der WM 2006 in Deutschland teil, ehe der Terroranschlag in Angola seine internationale Karriere beendete.

Nach Verletzung: Pakete schleppen auf dem Kölner Flughafen

Dass es zu mehr nicht reichte, hatte auch mit einem Schien- und Wadenbeinbruch zu tun, den Touré 2007 in einem Spiel mit dem VfL Osnabrück beim FC St. Pauli erlitt. "Ich fiel rund eineinhalb Jahre aus und wurde eigentlich nicht mehr so richtig der Alte", sagt der 33-Jährige heute.

Seine aktive Zeit als Fußballprofi hatte längst nicht ausgereicht, um sich ein beruhigendes finanzielles Polster anzuschaffen. 2016 beendete er seine Profikarriere offiziell, Touré musste sich mit 28 einen "ganz normalen" Job suchen. Er arbeitete auf dem Köln-Bonner Flughafen für ein Paket-Dienstunternehmen, Fußball spielte er nur noch mit befreundeten Amateuren.

Durch Zufall zurück zu Bayer Leverkusen

Touré war raus aus dem Profibetreb - bis ihn ein Zufall zurück zu Bayer Leverkusen transportierte. Bei der Hochzeit eines Freundes traf er mit Frank Dittkens einen alten Bekannten aus Bayer-Zeiten wieder. Dittkens war inzwischen als Pädagoge in Leverkusens Jugendabteilung beschäftigt und erinnerte sich an Tourés gutes Auge für Talente und vor allem: dessen guten Draht zu jungen Leuten. Die Bayer-Welt öffnete sich wieder für Touré, er schnupperte hinein ins Jugendtraining und -Scouting.

Mittlerweile ist Touré hauptamtlich als Bayer-Jugendscout angestellt - man vertraut seinen Fähigkeiten. "Ich kann ganz gut umgehen mit jungen Fußballern", sagt Touré, der vor allem von der Entwicklung junger Fußballer mit Migrationshintergrund überzeugt ist: "Ich glaube, dass in rund fünf Jahren erheblich mehr junge zugezogene Fußballer den Sprung in Deutschlands Profibereich schaffen werden", sagt er. "Viele Jungs sind hochtalentiert und werden mittlerweile erheblich besser betreut und zielführender ausgebildet als früher", beobachtet er.

Täglicher Kampf gegen Rassismus

Seine Erlebnisse mit Togos Nationalteam und seinen Werdegang in Deutschland hat Touré jüngst in einem Buch niedergeschrieben. "Erst Heim, dann Heimat" heißt das Werk, "Mein Leben als Deutscher" lautet der Untertitel. "Ich bin extrem dankbar, Deutscher sein zu dürfen. Das Land hat wunderbare Werte", sagt er. Gleichzeitig kämpft er quasi tagtäglich gegen Rassismus im Land seiner Wahl: "Niemand kann sich aussuchen, wo er hineingeboren wird. Gegenseitiger Respekt ist die einzige Antwort auf alle Fragen rund um rassistische Tendenzen", findet er.

Tourés Traum wäre, langfristig auch im Land seiner Wurzeln die Fußball-Ausbildung voranbringen zu können. "In Togo gibt es unzählige Talente. Man müsste dort nur systematisch Ausbildungskonzepte wie in Europa installieren. Dann könnte der Fußball dort einen enormen Sprung machen", glaubt er. Er würde dabei gern mithelfen, hält den Zeitpunkt aber noch nicht für gekommen: "Ich möchte erst noch hier in Deutschland meine weiteren Schritte machen. Dann - hoffentlich - kann ich mich irgendwann einmal auch in Togo einbringen."

Steil! Der SWR Fußball-Podcast mit Stanley Ratifo 21:41 Min. Verfügbar bis 04.06.2022