Zu Hause in Selbstisolation: Ein Vater und seine vorerkrankte Tochter tragen beim Spielen Corona-Masken.

Selbstisolation aus Angst vor Corona: Das Leid der "Schattenfamilien"

Stand: 17.01.2022, 14:40 Uhr

In "Schattenfamilien" gibt es mindestens eine Person, bei der eine Corona-Infektion sehr wahrscheinlich schwer verlaufen würde. Die Familien müssen sich aus dem normalen Leben zurückziehen, um ihre Lieben zu schützen.

Von Giselle Ucar

Eigentlich wollte Familie Rademacher* aus Kerpen am Wochenende nach Hellenthal in den Schnee fahren. Als Vater Thomas* beim Blick auf die Verkehrslage im Internet gesehen hat, wie voll es dort wird, ist er mit den Kindern zu Hause geblieben.

Denn seine zehnjährige Tochter Marie* leidet unter der sogenannten Rolando-Epilepsie, und die Familie fürchtet deswegen einen schweren Covid-19-Verlauf, sollte sie sich anstecken.

Maximale Vorsicht im Alltag

Symbolbild:  Corona-Test und OP-Maske auf einem Schreibmäppchen

Angst, die Schwester anzustecken

Alle in der Familie halten sich seit Beginn der Pandemie penibel an die Corona-Hygienevorschriften. Vater Thomas erzählt: "Unsere Tochter wechselt in der Schule in jeder Pause ihre Maske, und hat sie im Klassenzimmer auch dann getragen, wenn es mal nicht vorgeschrieben war." Auf dem Schulhof soll Marie - sie ist geimpft - außerdem immer nur mit denselben Kindern spielen. Die 13-jährige Schwester habe immer Angst, sie anzustecken.

Selbstisolation aus Verzweiflung

Auch Silvia Koch* gehört zu einer sogenannten Schattenfamilie. Die heißen so, weil sie sich mit der Pandemie komplett ins Private - den Schatten - zurückgezogen haben, um kranke Angehörige vor Ansteckung zu schützen. Kochs fünfjährige Tochter Lisa* leidet an einer neurologischen Vorerkrankung.

Sie wird rund um die Uhr zu Hause betreut und geht nicht mehr in die Kita. Denn nach einer Influenza-Infektion hat Lisa im Jahr 2020 aufgrund ihrer Vorerkrankung rund 150 Krampfanfälle erlitten. Silvia Koch fürchtet, dass eine Corona-Ansteckung noch mehr Anfälle mit sich bringen würde.

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"Wir sind nur noch zu Hause", sagt die Mutter. Einkäufe bestelle sie vor und hole sie dann mit möglichst geringem Infektionsrisiko ab. Die Apotheke liefere nach Hause. Ihren Teilzeit-Job im Verkauf musste Silvia aufgeben. Das belaste die Familie auch noch finanziell.

Schulunterricht ist ein großes Problem

Schüler sitzt vor Computer zuhause und hat Schulunterricht

Forderung nach besserem Homeschooling

Dass immer mehr Schattenfamilien in finanzielle Not geraten, beobachtet auch Sabine Reißig von der Initiative #BildungAberSicher: "Es kann sich nicht jede Familie leisten, das Kind zu Hause zu behalten. Diese Familien benötigen soziale Absicherung." Bei den betroffenen Familien stelle sich außerdem ein anderes großes Problem, so Reißig. "Diese Familien leben seit fast zwei Jahren in freiwilliger Selbstisolation. Oftmals werden die Eltern vor allem mit der Beschulung ihrer Kinder alleine gelassen." Reißig fordert dringend bessere Angebote fürs Homeschooling.

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Um ihr Risikokind länger als sechs Wochen von der Präsenzpflicht an der Schule befreien zu können, müssen Eltern in regelmäßigen Abständen kostenpflichtige ärztliche Atteste vorlegen. Sabine Reißig fordert, dass es Eltern leichter gemacht wird: "Ein Herzfehler ist nicht nach einem halben Jahr weg!"

Schulministerium erhebt keine Zahlen

Wie viele Kinder in NRW aufgrund einer akuten Gefährdung durch Corona nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, ist unklar. Dem Schulministerium liegen dazu keine Zahlen vor. Die Pädagogin Isabel Ruland wirft dem Ministerium vor, auch nicht an solchen Zahlen interessiert zu sein, um nicht aktiv werden zu müssen. Ruland sprach im November in einer Stellungnahme im Schulausschuss von 94.616 Schülerinnen und Schülern in NRW, die selbst an einer von der Stiko als corona-relevant angesehenen Vorerkrankung leiden - allein in der Altersspanne von 12 bis 17 Jahren.

Tatsache ist: Eine Entbindung von der Schulpflicht muss laut Ministerium befristet sein, und für eine Verlängerung müssen entsprechende Belege her. In einigen Fällen behielten Eltern die Kinder aus Sorge trotz abgelehnten Antrags zu Hause und müssten dafür Bußgelder zahlen, klagt Isabel Ruland.

Von den Menschen übersehen

Das sei aber nicht das größte Problem der Betroffenen, sagt Sabine Reißig. Das Schlimmste sei die Ignoranz der Mehrheit. Die Familien würden von der Gesellschaft kaum wahrgenommen - und leben weiter im Schatten.

*Anmerkung der Redaktion: Da die Familien anonym bleiben möchten, haben wir die Namen geändert.