Corona: Verlieren die Kommunen die Kontrolle?

Corona: Verlieren die Kommunen die Kontrolle?

Die Corona-Fallzahlen steigen auch in NRW stark an. Deshalb wird die Nachverfolgung von Kontakten immer schwieriger. Haben die Städte und Kommunen das Geschehen noch im Griff?

Droht die Corona-Pandemie in NRW aus dem Ruder zu laufen? Die Krisenstäbe der Kommunen sind im Dauereinsatz, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Dennoch steigen die Fallzahlen stark an. Einen schon dramatisch anmutenden Appell richtete Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) am Freitag an die Bevölkerung.

Reker: "Das muss jetzt funktionieren"

"Es ist fünf vor Zwölf", sagte Reker nach einer Krisensitzung im Kölner Rathaus. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen (Inzidenzwert) liege in Köln derzeit bei 120,1. Reker appellierte an jeden Einzelnen, einen Lockdown zu verhindern: "Wir haben nicht mehr viele Möglichkeiten. Das muss jetzt funktionieren."

Deshalb greift die Stadt zu drastischen Maßnahmen. Der Sessionsbeginn soll in der Karnevalshochburg quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Die Stadt hat die Wirte aufgefordert, am 11.11. ihre Lokale geschlossen zu halten - oder durch Reservierungspflicht Laufkundschaft zu vermeiden.

Dortmund: Bürger sollen Kontakt-Tagebuch führen

Auch in Dortmund ist die Lage angesichts "exponentiell" steigender Infektionszahlen angespannt. Laut Dortmunds Krisenstabsleiterin Daniela Schneckenburger sollen die Bürger nun möglichst selbst über ihre Kontakte Buch führen und so helfen, die Kontrolle zu behalten.

Schärfere Kontrollen

Die Einhaltung der Corona-Regeln wird in Dortmund künftig stärker kontrolliert. "Das wird man auch im Stadtbild sehen", sagte Heike Tasillo vom Ordnungsamt. Die Einsatzkräfte seien angewiesen, strenge Maßstäbe anzulegen. In Gaststätten sollen die Überprüfungen ausgedehnt werden. Man mobilisiere zusätzliche Kräfte und werde von der Polizei unterstützt.

Im privaten Bereich sollten die Bürger ihre Kontakte ebenfalls einschränken, appellierte Tasillo. Sorge bereiteten auch ältere Menschen, die eine "erhöhte Krankheitslast" hätten. Eine angespannte Lage in den Krankenhäusern sei künftig nicht auszuschließen.

Seit einigen Tagen sind in Dortmund auch 40 Soldaten im Einsatz, um Personen zu kontaktieren, die mit einem Corona-Infizierten zu tun hatten. Weil das nicht reicht, hat die Stadt bei der Bundeswehr weitere Unterstützung beantragt.

Bundeswehr muss aushelfen

Längst sind viele NRW-Kommunen bei der Bewältigung der Corona-Krise dermaßen an ihre Grenzen gestoßen, dass sie die Hilfe der Bundeswehr benötigen. Momentan unterstütze die Bundeswehr in 18 Kreisen und kreisfreien Städten, nächste Woche würden es 22 sein, sagte ein Sprecher des Bundeswehr-Landeskommandos NRW.

Allein in den vergangenen sieben Tagen seien 22 Amtshilfeanträge eingegangen - zur Unterstützung bei der Nachverfolgung von Corona-Fällen, aber auch von mobilen Abstrichteams. Mit Stand von Freitagmorgen sind 295 Soldaten in NRW im Einsatz und damit fast doppelt so viele wie noch zu Wochenbeginn.

Fehlerhafte Quarantäne-Verfügungen in Wuppertal

Erschwert wird die Krisenbewältigung auch noch dadurch, dass es Pannen gibt. So wurden vom Gesundheitsamt in Wuppertal seit dem 16. Oktober über tausend fehlerhafte Quarantäneverfügungen verschickt. Laut Stadtverwaltung erhielten Kontaktpersonen der Kategorie 1 Quarantäneverfügungen als positiv getestete Personen und umgekehrt. Unter den Betroffenen seien auch ganze Schulklassen gewesen, die irrtümlich als Positiv-Fälle angeschrieben wurden.

Land unterstützt Kommunen

Das Land NRW hat auf die notorische Überlastung der Gesundheitsämter reagiert. Es stellt etwa 200 Landesbedienstete zur Unterstützung der Ämter ab, dazu kommen Mittel für etwa 800 Aushilfskräfte in Vollzeit, teilte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mit. Auch dahinter verbirgt sich die Hoffnung, die Kontrolle über die Corona-Krise nicht zu verlieren.

Stand: 23.10.2020, 19:17