Tod von Mouhamed Dramé: So war der erste Prozesstag

Lokalzeit aus Dortmund 19.12.2023 30:00 Min. Verfügbar bis 19.12.2025 WDR Von Tobias al Shomer

Fall Mouhamed Dramé: Anwalt des Schützen mit Statement

Stand: 19.12.2023, 17:15 Uhr

Mit großem Interesse wurde heute der Prozessauftakt gegen fünf Polizistinnen und Polizisten vor dem Dortmunder Landgericht erwartet. Sie waren an dem Einsatz beteiligt, bei dem der 16-jährige Mouhamed Dramé erschossen wurde.

Von David Peters

Fast 50 Journalisten und Kameraleute drängen sich am Dienstag im Saal 130 des Dortmunder Landgericht. Hier startet der Prozess gegen die fünf Polizistinnen und Polizisten. Und zwar mit 45 Minuten Verspätung: Der Einlass der über 50 Zuschauer dauerte länger als erwartet. Die angeklagten Polizisten betreten den Verhandlungssaal durch einen Nebeneingang. Mit Mappen vor dem Gesicht schirmen sie sich vor den wartenden Kameras ab.

Die Angeklagten waren an einem Einsatz im August 2022 in der Dortmunder Nordstadt beteiligt. Sie waren gerufen worden, weil sich ein 16-jähriger Bewohner einer Jugendeinrichtung in einem Innenhof mutmaßlich selbst mit einem Messer verletzen wollte.

Polizist schoss sechsmal auf Mouhamed Dramé

Der Einsatz eskalierte: Eine Polizistin setzte Pfefferspray ein, zwei weitere Beamte feuerten Taser auf den Jugendlichen ab. Fast gleichzeitig schoss der Hauptangeklagte sechs Mal mit einer Maschinenpistole auf Mouhamed Dramé. Fünf Schüsse trafen den 16-Jährigen. Im Krankenhaus wurde später der Tod von Dramé festgestellt.

Dem 30-jährigen Schützen wirft die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage Totschlag vor. In einem dunklen Pullover und Jeans sitzt er neben seinem Rechtsanwalt. Die Hände hat er im Schoß gefaltet, zeigt sonst kaum eine Regung. Während Oberstaatsanwalt Carsten Dombert die Anklage verliest, schaut der 30-Jährige nach unten. Immer wieder muss er schlucken.

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Nesrin Öcal Sprecherin des Landgerichts Dortmund

Auch die anderen Angeklagten bewegen sich kaum. Den drei Polizistinnen und Polizisten, die Mouhamed Dramé mit Pfefferspray und Tasern attackierten, wird in der Anklage gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Dem 55-jährigen Einsatzleiter die Anstiftung dazu. "Er soll die verwendeten Mittel, sowie deren Reihenfolge festgelegt und den Einsatz des Pfeffersprays angeordnet haben", erklärt die Sprecherin des Dortmunder Landgerichts, Nesrin Öcal.

Anwalt des Schützen gibt Statement ab

Nach der Verlesung gibt der Anwalt des 30-jährigen Hauptangeklagten eine kurze Erklärung seines Mandanten ab. Durchaus überraschend: Bisher hatte sich der Angeklagte öffentlich nicht zu dem Fall geäußert. "Meine Mandant und seine Familie sind durch dieses Strafverfahren sehr belastet. Mouhamed Dramé hat durch ihn sein Leben verloren", so Verteidiger Christoph Krekeler. "Als sich Mouhamed Dramé erhob und sich mit einem Messer in Richtung der Polizeibeamten begab, empfand das nicht nur mein Mandant als bedrohlich [...] In dieser Situation kam es meinem Mandanten auf die Hautfarbe überhaupt nicht an."

Auf die Hautfarbe von Mouhamed Dramé sei es dem 30-jährigen Schützen nicht angekommen. Im Vorfeld des Prozesses wurde mehrfach über eine mögliche rassistische Komponente bei dem Einsatz spekuliert.

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Anwältin Lisa Grüter, die die Angehörigen Mouhamed Dramés in dem Prozess vertritt, sieht dieses Statement kritisch: "Ich finde es schwierig, als Erstes über die Belastung des Angeklagten und seiner Familie zu sprechen, wenn wir über die Tötung eines jungen Mannes sprechen, der ums Leben gekommen ist."

Erhebliches Zuschauerinteresse am ersten Verhandlungstag

Dass ein Gerichtsprozess so viele Besucher anzieht, dass die Sitzbänke im Saal bis auf den letzten Platz belegt sind, ist auch für das Dortmunder Landgericht ungewöhnlich. "Die Tatsache, dass auf Anklagebank heute fünf Polizeibeamte sitzen, deren Aufgabe der Schutz der Bevölkerung ist und einem dieser Polizisten Totschlag zur Last gelegt wird, geht mit einem erheblichen Interesse der Bevölkerung einher", so Nesrin Öcal.

 Kundgebung des Solidaritätskreis „Justice4Mouhamed“ vor dem Landgericht Dortmund

Zusätzlich gab es vor dem Verhandlungsbeginn noch eine Kundgebung vor dem Landgericht. Der "Solidaritätskreis Justice4Mouhamed" hatte sie organisiert. Mit Plakaten und Reden wollten sie auf den Fall aufmerksam machen. "Rest in Power Mouhamed Lamine Dramé" war dort zu lesen oder "Einzelfall?". Der "Solidaritätskreis" hatte bereits in der Vergangenheit mehrere Demonstrationen rund um den Fall Mouhamed Dramé durchgeführt.

Nächster Verhandlungstag im Januar

Das Bündnis erhofft sich von dem Prozess auch die Klärung vieler offener Fragen. "War Mouhamed an dem Tag überhaupt eine Gefahr für die Polizisten", möchte William Dountio vom Solidaritätskreis wissen. Dazu wollen sie den Prozess auch weiter begleiten.

Der Prozess gegen die Polizisten wird im Januar fortgesetzt. Bisher sind insgesamt elf Verhandlungstage bis in den April angesetzt.

Über dieses Thema wird am 19.12.2023 auch im Radio auf WDR 2 und im Fernsehen in der WDR Lokalzeit aus Dortmund berichtet.

Unser Quellen:

  • Reporter vor Ort