Gut 2,4 Cent Gasumlage: Was das für Verbraucher bedeutet

Stand: 16.08.2022, 09:47 Uhr

Auf Gaskunden in Deutschland kommen ab Herbst deutliche Mehrkosten zu. Die Höhe der staatlichen Gasumlage wird bei gut 2,4 Cent pro Kilowattstunde liegen. Die Folgen für Verbraucher werden deutlich spürbar sein.

Gas wird noch teurer: Am Montag wurde die Höhe der Gasumlage bekanntgegeben, die ab Oktober von Privathaushalten und Unternehmen gezahlt werden soll, die Gas verbrauchen. Es handelt sich um eine Art Kriseninstrument zur Entlastung von Unternehmen, die wegen der gedrosselten Lieferungen aus Russland anderswo für viel Geld Gas einkaufen müssen, um ihre Verträge zu erfüllen.

Ihre Mehrkosten dürfen sie aktuell nicht an ihre Kunden weitergeben. Ab Oktober soll sich das ändern. Dann soll die Umlage 90 Prozent ihrer Mehrkosten ausgleichen. Damit sollen Firmenpleiten und letztlich Lieferausfälle verhindert werden.

Wie teuer wird es für jeden Einzelnen?

Jörg Marksteiner

Jörg Marksteiner

2,419 Cent pro Kilowattstunde - das hat der Verbund der Gasvertriebs-Unternehmen Trading Hub Europe (THE) mit Sitz in Ratingen am Montagmittag bekanntgegeben. "Das ist ziemlich genau in der Mitte dessen, was man erwartet hat. Aber insgesamt nicht wenig", sagt WDR-Wirtschaftsredakteur Jörg Marksteiner.

"Auch wenn sich das nach Cent-Beträgen anhört: Für einen durchschnittlichen Vierpersonenhaushalt sind das Mehrkosten von 483 Euro pro Jahr, mit Mehrwertsteuer sogar 575." Ein Single-Haushalt sei mit 120 beziehungsweise 140 Euro dabei.

"Und was man nicht vergessen darf: Diese Umlage kommt on top! Also zusätzlich auf die ohnehin schon happigen Preiserhöhungen der Versorger oben drauf. Das werden sehr viele Haushalte in NRW deutlich spüren, denn etwa zwei Drittel heizen ja mit Gas." Jörg Marksteiner, WDR-Wirtschaftsredakteur

Die Höhe der Gaskosten ist allerdings individuell verschieden. Was Verbraucher unter dem Strich bezahlen müssen, hängt auch von ihrem Verhalten, der Dämmung ihrer Wohnung und deren Quadratmeterzahl ab. Auch das Alter und die Effizienz der Gasheizung sind wichtige Faktoren.

Die Grafik zeigt die jährlichen Mehrkosten durch die Gasumlage auf.

Jährliche Mehrkosten durch die Gasumlage - je nach Verbrauch

Die Gasumlage greift offiziell ab Oktober. Auf den Rechnungen wird sie voraussichtlich monatlich ab November oder Dezember auftauchen.

Kommt die Mehrwertsteuer noch oben drauf?

Bundesfinanzminister Christian Lindner will eine Mehrwertsteuer auf die Gasumlage abwenden und kündigte am Sonntagabend im ZDF an, dass der Staat auch bei einer Besteuerung der Umlage die Einnahmen nicht behalten wolle. Zuvor war bekannt geworden, dass der FDP-Chef die EU-Kommission in einem Schreiben um Erlaubnis gebeten hatte, bei der geplanten Gasumlage auf die Mehrwertsteuer verzichten zu können.

Der Bundesverband der deutschen Energie-und Wasserwirtschaft (BDEW) hat sich generell für eine zweijährige Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom und Gas ausgesprochen. Die Abgabe solle in dieser Zeit auf den ermäßigten Satz von sieben Prozent reduziert werden, sagte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae am Montag in der ARD. Entlastungen seien derzeit "unabdingbar".

Kann die Umlage noch erhöht werden?

Ja, das ist möglich. Alle drei Monate kann die Höhe der Umlage neu bestimmt werden.

Wie lange werden Gaskunden zahlen müssen?

Die Gasumlage soll erst einmal für 1,5 Jahre erhoben werden - also bis 1. April 2024. Die gesetzliche Grundlage dafür läuft allerdings weiter bis zum 30. September 2024. Die Umlage könnte also bis dahin verlängert werden.

Wer bekommt die Gasumlage?

Laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) haben insgesamt zwölf Gasimporteure ihre Ersatzbeschaffungskosten bei Trading Hub Europe angemeldet, einem Gemeinschaftsunternehmen der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber.

Bezogen auf den Umlagezeitraum bis Anfang April 2024 machten diese Gasimporteure 34 Milliarden Euro an Kosten geltend, dies entspricht 90 Prozent der erwarteten Ersatzbeschaffungskosten für diese Zeit. Energiekonzerne wie RWE und Shell wollen die Umlage nicht in Anspruch nehmen. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Energieversorger, ob Sie die Gasumlage bezahlen müssen - oder nicht.

Welche Reaktionen gibt es auf die Höhe der Umlage?

"An der Gasumlage führt auch in dieser Höhe leider kein Weg vorbei", sagte Wirtschaftsprofessor Jens Südekum von der Universität Düsseldorf am Montag. "Aber sie sollte mit einem Entlastungspaket für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen verknüpft werden, denn für sie gehen die steigenden Energiekosten an die Substanz." Hier müsse die Politik nachliefern.

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"Zusammen mit dem auslaufenden Tankrabatt und dem Wegfall des Neun-Euro-Tickets kann der Anstieg der Gaspreise zu zweistelligen Inflationsraten im Herbst führen." Wirtschaftsprofessor Jens Südekum

Das belaste die Konjunktur erheblich. Eine Rezession in der zweiten Jahreshälfte sei wahrscheinlich. "Daran ist aber nicht die Umlage an sich Schuld - es sind die Folgen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Der Staat kann die hohen Energiepreise nicht überall abfedern. Das ist unmöglich." Aber er könne zielgerichtet dort für Entlastung sorgen, wo es am nötigsten sei: bei den kleinen und mittleren Einkommen. "Nötig wäre jetzt gezielte Umverteilung von oben nach unten, bis die Krise ausgestanden ist."

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sieht die Umlage als "gute Nachricht für die Versorgungssicherheit". Sie forderte vom Bund aber auch, "dringend für weitere Entlastungen zu sorgen, insbesondere für einkommensschwächere Haushalte und im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen".

Die Schwierigkeiten für ärmere Haushalte betont auch der Wuppertaler Sozialrechtsexperte Harald Thomé . "Der Staat muss sich jetzt schnell überlegen, wie er denjenigen hilft, die diese hohen Mehrkosten nicht mehr stemmen können", sagte er am Montag. Die Wohngeldreform müsse daher auf den 1. Oktober vorgezogen werde.

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Welche Kritik gibt es an der Gasumlage?

Aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW ist die Gasumlage kein geeignetes Instrument zur gesellschaftlichen Aufteilung der Kosten. Jene 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, die nicht auf Gas angewiesen ist, sondern mit Öl, Wärmepumpen oder anderen Mitteln heizen, hätten "an dieser Stelle jetzt Glück gehabt", sagte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW am Mittwoch dem WDR.

Gas-Umlage: "Trifft Geringverdiener richtig hart"

WDR 5 Morgenecho - Interview 15.08.2022 07:05 Min. Verfügbar bis 15.08.2023 WDR 5


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Die Rettung von Uniper sei eine solidarische Aufgabe. "Wenn die Bundesregierung entscheidet, wir wollen Uniper retten, dann wäre das eigentlich etwas gewesen, was auch alle zahlen müssen." Die Verbraucherzentrale befürworte deshalb eine Steuerfinanzierung. Diese sei sozial gerechter und auch deutlich unkomplizierter, so Sieverding.

"Gerade die Geringverdiener, die die Heizkosten nicht über ihren Regelbezug ersetzt bekommen, das sind die, die es richtig hart trifft", sagte Sieverding. "Allein in Nordrhein-Westfalen gehen wir davon aus, dass das Haushalte mit drei Millionen Einwohnern sind." Zur Umlage käme außerdem die allgemeine Preissteigerung dazu. "Beides zusammen bringt viele Haushalte an den Rand der Armut."

Auch für Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im Landtag, ist die Gasumlage das falsche Instrument: "Wenn alle das gleiche zahlen, kann das nicht sozial ausgewogen sein." Denn die damit einhergehende Last wiege für kleine und mittlere Einkommen viel schwerer als für Besserverdienende. Der Sozialdemokrat sagte Richtung Ampel-Koalition im Bund: "Von daher wäre eine Finanzierung aus dem Bundeshaushalt wesentlich gerechter gewesen."

Welche Entlastungen gibt es?

Darüber wird noch gestritten. Kanzler Olaf Scholz hatte am Freitag ein weiteres Entlastungspaket angekündigt. Man stütze sowohl Empfänger von Unterstützungsleistungen als auch Menschen mit geringem oder mittlerem Einkommen. Vorgesehen sind unter anderem Hilfen beim Wohngeld als auch bei der Einkommenssteuer. Die Grünen und Teile der SPD fordern allerdings weitere Entlastungen.

Was ist eigentlich mit Kunden, die eine Festpreis-Garantie haben?

Einige Energieversorger erhöhen die Preise, obwohl sie mit ihren Kunden eine Preisgarantie vereinbart haben. Verbraucherschützer halten das in vielen Fällen für rechtswidrig. Ihr Rat: Schriftlich Widerspruch einlegen. Bezahlen muss man aber die Rechnung trotzdem erst einmal.

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