Was tun gegen Messerattacken: Kommt ein Waffenverbot?

Stand: 30.10.2021, 06:00 Uhr

Nach Gewaltausbrüchen in der Düsseldorfer Altstadt wird nun über ein Waffenverbot diskutiert. Vor allem das Tragen von Messern soll verboten werden. Aber ist das sinnvoll?

Von Birgit Virnich

Nachts an den Wochenenden verwandele sich die Düsseldorfer Feiermeile in einen Tatort. Das sagt die 63-jährige Düsseldorferin Maria Beck, Sprecherin einer Bürgerinitiave für mehr Lebenskultur in der Altstadt. Messerstechereien kämen häufig vor. "Jugendliche tragen ihre Messer unverhohlen gut sichtbar an ihren Gürteln."

Am vergangenen Samstag war ein Jugendlicher aus dem Ruhrgebiet in der Altstadt niedergestochen und lebensgefährlich verletzt worden. Nach der zweiten Gewalttat binnen weniger Tage fordern Beck und andere Düsseldorfer ein Waffenverbot in der Düsseldorfer Altstadt.

Innenminister will mehr Polizei auf die Straßen schicken

Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht zwar ebenfalls Handlungsbedarf. Er glaubt aber, dass nur ein Bündel an Maßnahmen das Problem lösen könne. Ein Waffenverbot helfe nur dann, wenn es auch kontrolliert werden könne, sagt Reul dem WDR. Der Minister plädiert deshalb für eine stärkere Präsenz der Polizei und eine Anlaufstelle in der Düsseldorfer Altstadt.

Menschen, die in der Altstadt arbeiten, zeichnen ein düsteres Bild. "So schlechte Zeiten habe ich noch nie erlebt", sagt ein Kioskbesitzer. "Ich arbeite seit vielen Jahren in der Altstadt, aber die derzeitige Aggressivität ist neu. Die Leute haben keinen Respekt mehr voreinander, schon gar nicht vor der Polizei." Kneipenbesitzer Walid el Sheik sagt, es sei ein Trend, sich zu bewaffnen, um sich zu schützen. 

Warum greifen Täter häufiger zum Messer?

Das bestätigt Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. "Bei Streitereien, die früher mit den Fäusten ausgetragen wurden, kommen immer öfter Messer ins Spiel." Besonders beliebt: sogenannte Handclip Messer. "Die werden wie ein Kugelschreiber mit einem Clip an der Kleidung getragen." Erlaubt sind Messer bis zu einer Klingenlänge von unter zwölf Zentimetern.

Oft hätten Polizeibeamte es mit jungen Tatverdächtigen mit Migrationsgeschichten zu tun, erzählt Huth. Die Tatverdächtigen seien ganz anders sozialisiert und hätten ein anderes Verteidigungsverständnis.

"Der Umgang mit Waffen sei immer kulturell geprägt," sagt der Kriminalpsychologe Thomas Bliesener. Allerdings gebe es kein eindeutiges Täterprofil. Vielmehr sei zu beobachten, dass Täter und potenzielle Opfer aufrüsteten.

Rückgang bei Angriffen mit Messern

In der Statistik zeichnet sich das bislang nicht ab. Allerdings werden Straftaten, die mit Messern verübt wurden, in NRW erst seit Anfang 2019 gesondert aufgeführt. Weil zudem 2020 Kneipen und Bars wegen Corona lange geschlossen waren, sind die Zahlen nicht gut vergleichbar. Laut Statistik hat die Polizei 2019 5.761 Fälle aufgenommen, bei denen ein Messer im Spiel war. 2020 waren es 4.669.

Gefühl der Bedrohung gestiegen

Der Bund der Kriminalbeamten befürwortet dennoch ein Waffenverbot an bestimmten Orten. Es würde den Beamten erlauben, viel niedrigschwelliger zu ermitteln. "Auch ohne Verdachtsmoment könnten sie Jugendliche durchsuchen", sagt Huth. Das würde den Menschen den Eindruck vermitteln, dass der Staat sie schütze.

Das Gefühl der Bedrohung ist offenbar gestiegen. Kriminalpsychologe Bliesener führt das auf die große mediale Aufmerksamkeit zurück. Er warnt vor einer Überbewertung. "Wenn über gravierende Fälle wie jüngst in der Düsseldorfer Altstadt berichtet wird, dann ist in der Folge oft auch schon der Versuch einer ähnlichen Straftat eine Meldung wert." Er ist skeptisch, ob sich die, die sich bewaffnen wollen, wirklich von einem Verbot abschrecken lassen.