"Leben in Geschichten" von Donna Leon

Stand: 28.09.2022, 12:00 Uhr

Der Erfolg ihrer Romane um Commissario Brunetti verdeckt, dass die Autorin Donna Leon ein bewegtes Leben auch jenseits von Krimis geführt hat. Annett Renneberg liest "Ein Leben in Geschichten" auf betont klare, direkte Weise. Eine Rezension von Christoph Vratz.

Donna Leon: Leben in Geschichten
Gelesen von Annett Renneberg.
Diogenes, 2022.
2 CDs, 20 Euro.

Das Leben einer Rastlosen

Bei der Idee zu diesem Buch führte Kommissar Zufall Regie. Während eines Essens in Venedig trifft Donna Leon auf einen ehemaligen Kollegen aus dem Iran:

"Wir plauderten über Freunde, die wir dort kennengelernt hatten, Freunde, mit denen wir immer noch in Kontakt standen, schwelgten in Erinnerungen – und plötzlich sah ich das alles mit neuen Augen."

"Leben in Geschichten" von Donna Leon Lesestoff – neue Bücher 28.09.2022 05:20 Min. Verfügbar bis 28.09.2023 WDR Online Von Christoph Vratz

Download

Aus alten Erinnerungen und einem neuen Blickwinkel erwächst der Plan, auf das eigene Leben in Form von kleinen Geschichten zurückzuschauen. Denn Donna Leon bezeichnet sich als rastlos:

"Nun werde ich achtzig, was mich selbst überrascht, denn mit achtzig sollte man doch allmählich angekommen sein. Doch leider hat die Vorstellung, mich endgültig an einem Ort niederzulassen und nur noch eine Sache zu tun oder – schlimmer – gar nichts mehr zu tun, keinen Reiz für mich."

Eine Reise zur eigenen Herkunft        

Dreißig kurze Texte enthält "Ein Leben in Geschichten". Die meisten wurden an unterschiedlichen Stellen schon einmal veröffentlicht, rund ein Viertel der kleinen Erzählungen sind neu, wie "Nolls Farm", eine Reise zu Donna Leons eigener Herkunft:

1942 kommt sie in einer kleinen Stadt im amerikanischen Bundesstaat New Jersey zur Welt. Zum Lob des Herkommens zählt auch die Würdigung ihrer Großväter: der eine, Alberto de Léon, stammt aus Südamerika, der andere aus Nürnberg.

"Mein deutscher Großvater war in Deutschland Bauer gewesen, und Bauer wurde er in Clifton, New Jersey. Er besaß vierzehn Hektar Land, und wann immer ich als Kind zu Besuch kam, war es das Paradies, ein Paradies voller Wunder."

Die Liebe zur Musik

Donna Leons "Leben in Geschichten" wird weitgehend in chronologischer Reihenfolge aufgeblättert. Zu den frühen, prägenden Erlebnissen zählt, wie ihre Leidenschaft für Musik geweckt wird:

"Jesus ist vielleicht nicht mein Herr und Erlöser, aber der Messias von Händel hat definitiv mein Leben verändert. Zum ersten Mal hörte ich das Werk in der Schule – wahrscheinlich bei einem Weihnachtskonzert –, aufgeführt von einem riesigen Orchester und einem noch größeren Chor. Es war meine erste Begegnung mit barocker Vokalmusik, und mir war, als wäre die Welt um mich herum verschwunden oder mein Stuhl ins All geschossen worden – diese Musik war eine völlig neue Welt."

Eine Liebe fürs Leben. Rückblickend kaum zu erklären, auch nicht für Donna Leon selbst.

"Warum ich als Teenager klassische Musik hörte, während meine Freunde für Peggy Lee und Elvis schwärmten – ich weiß es nicht; meine Familie war jedenfalls nicht musikalisch. Es war wohl der Klang. Etwas unsicher tastete ich mich voran, hörte Stücke im Radio und kaufte mir dann die Platten."

Angemessen, aber verwunderlich

Die Schauspielerin Annett Renneberg ist einem größeren Fernseh-Publikum bekannt als Darstellerin der Signorina Elettra in den Verfilmungen der "Commissario Brunetti"-Romane. Insofern eine angemessene Wahl, wenn sie nun auch dem Hörbuch ihre Stimme verleiht – aber auch eine gute Wahl?

Zumindest wirkt es ein wenig verwunderlich, wenn Donna Leons Lebensrückschau von einer Stimme gesprochen wird, die fast vier Jahrzehnte jünger ist. Das gilt besonders für die Erzählungen, die vom Älterwerden handeln:

"Vor einigen Jahren, am ersten Frühlingstag im Garten, kniete ich mich hin, um den Schlauch aufzuheben, der in einem Kreis auf dem Scheunenboden lag, um ihn hinauszutragen. Da fehlte es mir plötzlich an der nötigen Kraft, um auf die Füße zu kommen. Ich wäre nicht fassungsloser gewesen, hätte mich der Blitz getroffen. Ich hatte den Schlauch jahrelang mit Leichtigkeit aufgehoben, das Ding hierhin und dorthin im Garten getragen. Doch jetzt war er für mich plötzlich zu schwer zum Heben."

Hommage mit Abstrichen

Annett Renneberg liest die 29 Geschichten (die letzte, steckbriefartige, wurde seltsamerweise ausgespart) auf sehr klare, direkte Weise. Allerdings hätte man sich die eine oder andere Regung – ein Schmunzeln, das Gefühl für Ironie, das Moment des Nachdenkens – authentischer, plastischer gewünscht. Insofern sind bei dieser klingenden Hommage zum Geburtstag von Donna Leon auch Abstriche zu machen.