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13. November 1976 - Wolf Biermann gibt folgenreiches Konzert in Köln

IN DIESEM LANDE LEBEN WIR 17.11.1976, Wolf Biermann

13. November 1976 - Wolf Biermann gibt folgenreiches Konzert in Köln

Konzertgitarre und Gesang - es ist nicht die Bühnenshow, die Wolf Biermanns Auftritt am 13. November 1976 in Köln so legendär macht. Vielmehr sind es die Hintergründe: Nach elf Jahren Auftrittsverbot in der DDR steht der Liedermacher erstmals wieder auf der Bühne.

Wolf Biermann gibt ein Konzert in Köln (am 13.11.1976)

WDR ZeitZeichen 13.11.2021 14:52 Min. Verfügbar bis 14.11.2099 WDR 5


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Es ist der 13. November 1976. Rund 7.000 Menschen sind in die Kölner Sporthalle gekommen, um den DDR-Liedermacher Wolf Biermann zu hören. Das Konzert beim Klassenfeind ist von ganz oben genehmigt. Nach elf Jahren Auftrittsverbot in der DDR eine Sensation.

Unter dem Motto "Ich möchte am liebsten weg sein - und bleibe am liebsten hier" singt Biermann nicht nur, er nimmt auch ausführlich politisch Stellung. Die DDR kommt dabei mal besser, mal schlechter weg. Der Liederabend wird vom WDR-Hörfunk live übertragen. Geplant sind zwei Stunden, es werden vier.

"Man hat mich so viele Jahre gebeten, nicht zu singen, dass man mich nun bitten muss, mit dem Singen aufzuhören", sagt Biermann über seinen ausgedehnten Auftritt, der für ihn existenzielle Folgen hat. Drei Tage später verbreitet die staatliche Nachrichtenagentur ADN die Mitteilung, Biermann werde die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen. Als Begründung wird sein "feindseliges Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik" angeführt.

Von Hamburg in die DDR

Biermann wehrt sich gegen die Ausbürgerung. Denn anders als die "Republikflüchtlinge" möchte der Liedermacher die DDR überhaupt nicht verlassen. Angebote zur Ausreise hatte er stets abgelehnt. Der in Hamburg geborene Sohn kommunistischer Eltern - sein jüdischer Vater wurde als Widerstandskämpfer 1943 in Auschwitz ermordet - will die DDR mitgestalten. Deshalb ist er ja als 16-Jähriger übergesiedelt.

Biermann studiert zunächst Politische Ökonomie und Philosophie. Anfang der 60er Jahre beginnt er zu schreiben und zu komponieren. Doch schon bald hat er Ärger mit der Zensurbehörde, weshalb er ab 1965 nicht mehr auftreten und publizieren darf.

Obwohl Biermann seit Jahren unter den Repressalien des SED-Staats leidet, ist die Ausbürgerung für ihn ein Schock. Wie er später erfährt, ist dieser Schritt wohl schon lange geplant. Die DDR-Führung hat nur auf eine passende Gelegenheit gewartet.

Erst Protest- dann Ausreisewelle

Eigentlich will man Biermann so zum Schweigen bringen, doch stattdessen werden der kritische Musiker und seine verbotenen Lieder jetzt erst richtig bekannt. Die Ausbürgerung löst eine Protestwelle aus. In einem Brief fordern mehr als 100 Schriftsteller, Musiker, Künstler und Schauspieler die DDR-Führung auf, ihre Maßnahme zu überdenken. Die Folge: Auch sie erhalten ein Berufsverbot oder werden aus dem Staatsdienst entlassen.

Zahlreiche Künstler und Intellektuelle verlassen daraufhin die DDR, darunter Publikumslieblinge wie Manfred Krug, Armin Müller-Stahl, Katharina Thalbach oder Nina Hagen.

Für die DDR-Kulturlandschaft ist das ein unwiederbringlicher Verlust. Daher gilt die Biermann-Ausbürgerung für viele Menschen bis heute als Anfang vom Ende des SED-Regimes.

Autor des Hörfunkbeitrags: Thomas Klug
Redaktion: Gesa Rünker​

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